DIe Burg Geristein ist weniger alt als uns die erfundene Geschichte vorlügt!


Der Rundturm von Geristein, ein frühes Bollwerk

Die Baugeschichte verweist den Wehrbau in die Renaissance.


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Über Geristein wird auch im neuesten Buch des Autors gehandelt:

Die Ursprünge Berns. Materialien für eine Neubetrachtung (2008)


Detailansicht des Rundturms von Geristein mit seinen charakteristischen Buckelquadern

Foto des Autors, 1997


Der Abend zu Geristein von J.R. Wyss als Anlaß zur Neubetrachtung von Geristein

Im Herbst 2006 habe ich die Novelle von Johann Rudolf Wyss dem Jüngeren: Der Abend zu Geristein von 1825 neu herausgegeben (zusammen mit der Dichtung Der Ritter von Ägerten von 1814). Die Neuübertragung des Textes war für mich Anlaß, eigene und fremde Illustrationen anzufügen. - Und vor allem regte mich die Herausgabe dazu an, mich eingehend mit Geristein zu befassen.

So erkenne ich jetzt den bekannten sogenannten Elefanten von Geristein - einen Felstorbogen und einen Felszahn - als menschengestaltete Naturwunder.

Dann beschäftigte ich mich wieder eingehend mit dem Turm von Geristein.

Der Rundturm von Geristein

Die Burg Geristein ist in der Gehrung eines spitzwinkligen Sandsteingrats angelegt, wobei zwei künstlich ausgebrochene Gräben den Platz abgetrennt haben. – Besonders der Graben nach Osten stellt eine gewaltige Aushubleistung dar.

Die Ruine besteht aus den Resten eines Rundturms und einem Stück einer daran anliegenden Umfassungsmauer. 

Vom Rundturm ist heute nur noch ein beachtlicher Stumpf auf der Ost-Seite erhalten (vgl. die obige Abbildung). Doch alte Abbildungen bezeugen frühere Erhaltungszustände.

Der Burgenmaler Albrecht Kauw schuf das älteste Bild von Geristein. - Angeblich soll das schlichte Aquarell "1659" entstanden sein. – Die Darstellung zeigt einen noch bis zur Krone erhaltenen Rundturm, der aber schon in ruinösen Zustand gefallen ist.

Die erdichtete Geschichte der Burg kann man glatt vergessen: Es hätte ein Geschlecht derer von Geristein gegeben. Und die Berner hätten die Burg „1298" zerstört. – Wie kommt man zu dieser Behauptung einer absurd frühen Zeit? – Ganz einfach deshalb, weil der Chronist „Justinger" das so erwähnt.

Doch "Justinger" wurde im 18. Jahrhundert - etwa gegen 1750 - vom Historiographen Michael Stettler verfaßt, wie ich in meinem Buch Bern und die alten Eidgenossen nachweise.

Die Burg muß viel jünger sein. Drei bauliche Eigentümlichkeiten beweisen dies.

1) Der Rundturm von Geristein hat erstens sehr dicke Mauern  von 3.3 Metern an der Basis.

2) Der Turm wurde mit Sandstein als Baumaterial gefügt. - Der weiche Sandstein wurde von den "Römern" nicht gebraucht.

3) Die Quader sind gegen außen mit Buckeln (Bossen) versehen. - Die Bossierung war ebenfalls eine neue Art der Bearbeitung.

Alle diese Eigenschaften sprechen für eine späte Entstehungszeit des Turms. Es muß die beginnende Zeit der Feuerwaffen gewesen sein. - Vor dem Beginn des zweiten Drittels des 18. Jahrhunderts ist das nach der neuen Chronologie unvorstellbar.

Ein breiterer baugeschichtlicher Vergleich ergibt noch mehr: Der Rundturm von Geristein war keine Burg im klassischen Sinne, sondern ein Bollwerk, genauer gesagt ein Artilleriebau. - Für diese Verortung gibt es in ganz Europa Vergleiche (vgl. die untenstehende Abbildung).

Der Artilleriebau von Lichtenstein bei Ebern in Unterfranken

Angeblich "1455" =  erste Hälfte 18. Jahrhundert

aus: Joachim Zeune: Burgen; Regensburg 1996, S. 104


Vielleicht wurde Geristein von der Stadt Bern als Bollwerk angelegt, um die Strasse nach Burgdorf zu sperren.

Aber noch wahrscheinlicher ist: Der Rundturm von Geristein wurde um seiner selbst willen erbaut. Er hatte keine besondere Funktion und keinen besonderen Sinn.

Und wahrscheinlich hat vorher auf dem Grat von Geristein keine Burg bestanden.

Wenn Albrecht Kauw angeblich "1659" bereits eine verlassene Burg darstellt, so hat der Wehrturm von Geristein offenbar nur einige Jahrzehnte seinem Zweck gedient. - Allerdings ist das genannte Datum des Kauwschen Bildes zu verjüngen. - Man vergleiche dazu neuerdings den Artikel: KAUW - ein bernischer Maler um 1750.

Daß es möglich wurde, der Burg Geristein eine unsinnige Geschichte anzuhängen („Entstehung im 12. Jahrhundert"), beweist wie dunkel die Zeit vor der Geschichtsschwelle ist.


4.10.2004. - Letzte Änderung: 16.5.2009/2011