Ein einzigartiges Naturwunder in der Nähe von Bern


Der "Elefant" von Geristein

Über die merkwürdige Felsformation, genannt der "Elefant", bei der Burgruine Geristein (Gemeinde Bolligen, Kanton Bern)

Startseite: www.dillum.ch


Vergleiche auch den Artikel über die Burgruine Geristein


Über die Burg und den Elefanten von Geristein vergleiche auch das Buch des Autors:

Die Ursprünge Berns. Eine historische Heimatkunde Berns und des Bernbiets. Mit besonderer Berücksichtigung der Burgen und mit einem autobiographischen Anhang (2013)


Der "Elefant" und der Felszahn von Geristein von Süden her gesehen

Aufnahme um 1910

aus: Oskar Weber: Die Ruine Geristein und ihre geologischen und historischen Merkwürdigkeiten; Bern 1912

Die damals kurz gehaltenen Wälder als Folge einer intensiven Waldnutzung ermöglichte diese fast vollkommene Sicht auf die südliche Felsrippe mit dem Felstorbogen und dem Felszahn.


Einleitung

Die Neuherausgabe der beiden Dichtungen von Johann Rudolf Wyss dem Jüngeren: Der Abend zu Geristein, Der Ritter von Aegerten, gab Anlaß, sich wieder eingehend mit den Merkwürdigkeiten von Geristein und Umgebung zu befassen.

Geristein ist zuerst eine Burgstelle mit einem mächtigen Rundturm. Dann steht der Name für eine Örtlichkeit nördlich des Bantigers, in der Nähe der Strasse zwischen Bern und Burgdorf. Und Geristein zeigt nicht nur bauliche, sondern auch natürliche Eigentümlichkeiten. Eine davon soll im Folgenden besprochen werden.

Der Grat von Geristein und der "Elefant"

Die Burgstelle von Geristein befindet sich in der östlichen Gehrung eines spitzwinklig geformten Sandsteingrates, welcher einen nördlichen Ausläufer des Bantigers krönt. Der Burgplatz ist gegen Osten wie gegen Süden durch einen rechteckig in den Felsen gehauenen Abschnittsgraben getrennt. Während der nach SW schauende Grat also von der Burg durch einen Einschnitt getrennt ist, so fällt der Platz gegen den westlichen Grat über eine steile Stufe hinab und erübrigte somit eine künstliche Trennung.

Doch hat der zuletzt erwähnte westliche Sandsteingrat in einiger Entfernung von der Burgstelle einen künstlichen Einschnitt. Von diesem weiß man allerdings nicht, ob er mit der Wehranlage in Verbindung  steht oder nachträglich zur Steingewinnung  geschaffen wurde.

Der von der Burg nach SW schauende Felsgrat besitzt gegen das westliche Ende einen hoch aufragenden Zahn und als Abschluß eine auffällige, von einer grossen Öffnung durchbrochenen Felsnase, die wegen ihrer eigenartigen Form "Elefant" genannt wird.

Der Felszahn bildet den höchsten Punkt des ganzen Gratwinkels, und der Felsbogen sieht von Osten her ebenfalls schmal aus. Man möchte meinen, es seien zwei ineinander verschränkte Spitzen (vgl. das Foto).

Der Felszahn (vorne) und der Felsbogen (hinten) des "Elefanten" von -Geristein

Foto: Autor, 30.3.2004


Der Elefant von Geristein: Ansicht von Osten

Foto: Autor, 30.3.2004


Der Felsgrat von Geristein muß wie die ganze hügelige Gegend nördlich des Bantigers das Ergebnis einer abrupten Erosion sein. - Man wisse in diesem Zusammenhang auch, daß das untere Geristein-Tal früher tief eingeschnitten war. Doch in den 50er und 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde der Einschnitt zwischen Harnischhut und der Lutzeren mit Schutt aufgefüllt (vgl. den Plan).

Plan der Gegend von Geristein

aus: Karl Ludwig Schmalz: Bolligen. Geschichte, Gemeindeentwicklung, Heimatkunde; Bern 1982, Seite 376

Auf dem Plan sind in rot und blau die Auffüllungen der natürlichen Gräben in den 1950er und 1960er Jahren eingetragen. - Die Topographie der Landschaft um Geristein wurde dadurch stark verändert.


Detailplan von Geristen

Ausschnitt aus dem Vermessungsplan 1:10'000

Bearbeitung: Autor


Die natürliche Erosion erklärt aber nicht das sonderbare Aussehen des südwestlichen Grat-Endes von Geristein.

Vor allem fehlt jede plausible Erklärung für den Torbogen. Eine erodierende Kraft, sei dies nun Wasser, Sand oder Wind, hätte das ganze schmale Ende des Felsgrates weggeschliffen, nicht einen Bogen hineingebohrt.

Und es gibt nicht nur einen großen Torbogen, sondern gleich daneben noch einen kleinen Tordurchgang. - Auch dieser ist kaum natürlich entstanden.

Je länger man sich die Form des südwestlichen Gratabschlusses von Geristein ansieht, desto deutlicher sieht man darin die Figur eines Elefanten: Die gerundete Nase des Grat-Endes formt den Kopf, der Torbogen den Rüssel. Dieser endet an der Basis des Felszahns.

Der Fels-Torbogen im südwestlichen Grat von Geristein, von Süden gesehen

Aufnahme des Verfassers vom 30.3.2004

Die Ähnlichkeit dieses eigenartigen Felsbogens mit dem Kopf und dem Rüssel eines Elefanten ist auch unter diesem Blickwinkel frappant. - Sogar die Augen scheinen deutlich aus dem Gestein geschnitten. - Ein zweiter, kleiner Torbogen unten links deutet den Mund des Tieres an - oder modelliert einen Vorderfuß.


Deutlich ist zu erkennen, daß der Rüssel des Elefanten nicht einen fließenden Ansatz an dem Felszahn hat. Er ist im Gegenteil markant ausgeschnitten. Das ist der beste Beweis, daß hier menschliche Steinhauer-Arbeit nachgeholfen hat.

Wir müssen also annehmen, daß der Torbogen künstlich aus dem Grat ausgehauen worden ist. Das gleiche gilt von dem zweiten kleinen Durchgang, der den Mund eines Elefanten andeutet (vgl. die Abbildung).

Und der grosse Felszahn sieht von Süden her aus wie ein aufgerichteter Stosszahn.

An eine natürliche Entstehung dieser Formen mag niemand glauben.

Unterdessen gibt es eine Menge Vergleichsmaterial aus Europa und der ganzen Welt, das beweist, dass die an vielen felsigen Orten vorkommenden Felsentore oder Felsenbogen künstlich geschaffen wurden.

In der Schweiz sei als Beispiel für eine künstlich geschaffene Felsöffnung das Martinsloch bei Elm genannt.

Im Bernbiet bietet sich der Zwingherrenbogen am Steilabsturz zum Schwarzwasser, westlich von Hinterfultigen als Vergleich an.

Und in der Nähe von Geristein findet sich der kleine, schön geformte Torbogen oberhalb von Flugbrunnen.

Und als bedeutenden Felstorbogen kennt man im Berner Jura die bekannte Pierre Pertuis, südlich von Tavannes (vgl. die Abbildung). Darüber lese man den Artikel Die Pierre Pertuis bei Tavannes BE - ein menschengestaltetes Naturwunder

Die Pierre Pertuis

"Römischer" Strassendurchstich bei Tavannes (Dachsfelden), BE

Foto: Internet


Ein Werk der Vorzeit oder eine Arbeit der Steinmetzen der Burg?

Die künstliche Bearbeitung des südwestlichen Felsgrates von Geristein scheint eindeutig. Daran schließt sich die Frage, wer denn ein solches zoomorphes Vexierbild in den Sandstein gemeißelt hat.

Wir wissen  nichts Genaues über die Vorzeit. - Und diese beginnt schon hinter der Französischen Revolution.

Doch gibt es eine andere Erklärung, welche eine junge Entstehung begründet.

Der Rundturm der Burg Geristein kann aus baugeschichtlichen Erwägungen erst um vielleicht 1740/50 erbaut worden sein. Er ist aus Sandsteinquadern ausgeführt. Diese wurden an Ort und Stelle durch die Ausmeißelung der beiden Halsgräben gewonnen, welche das Burgplateau vom Grat abtrennen.

Sandstein jedoch wurde erst im Zeitalter der Gotik als Baumaterial benützt. Die "Römer" und die Romanik brauchten diesen Stein wegen seiner Weichheit nicht.

In Geristein waren also Steinmetzen am Werk. Diese haben auch ihre typischen Zeichen an den Quadern des Rundturms hinterlassen.

Ließe sich nicht vorstellen, daß die besagten Steinmetzen neben ihrer ordentlichen Steinhauerarbeit nebenbei auch noch das Ende des südwestlichen Grates bearbeiteten? Wer Übung in einem Handwerk hat, beginnt bekanntlich bald zu spielen und seine Künste an anderen möglichen Objekten auszuprobieren.

Der Elefant von Geristein und der hohe Felszahn wurden künstlich geschaffen.

Ein weiteres Detail könnte die gleiche Entstehungszeit des Burgturmes und des Elefanten von Geristein begründen. An der Innenseite des südlichen Halsgrabens der Wehranlage ist im oberen Teil eine rundbogig abgeschlossene und nach hinten gerundete Nische eingehauen (vgl. die Abbildung).

Nische an der Innenwand des südlichen Halsgrabens von Geristein

Der Boden der in der Ansicht und im Grundriß halbrunden Nische liegt drei Meter über der Grabensohle.

Bild: Autor, 2012


Die Höhle im Nordwesten unterhalb des Burgplatzes von Geristein

Foto: 25.7.2012

Sowohl der Eingang wie auch der Grundriss der Kaverne sind viel zu regelmässig und zu kunstvoll, um an eine späte Entstehung zu glauben. - Vermutlich stellt dies eine alte Kulthöhle dar. Damit passt das Objekt in die Einschätzung von Geristein als alter Kultort.


Die Nische im Burggraben macht nur Sinn als ehemaliger Standort eines Heiligenbildes. - Bern war zur Entstehungszeit dieser Höhlung also noch katholisch oder altchristlich. - Und Geristein war nicht nur eine Wehranlage, sondern auch ein religiös geweihter Ort.

Eine ähnliche Kult-Nische findet sich in der Klus von Rondchâtel im Berner Jura, nordöstlich von Biel bei Frinvilliers. Über das dortige Martinsklafter (toise de Saint-Martin) lese man den Artikel in dieser Homepage.

Bei dieser Gelegenheit soll auch der Ortsname analysiert werden. Schon ältere Schriftsteller haben den Namen richtig von der Form des Grates abgeleitet, die auffällig einer Speerspitze gleicht (vgl. den Plan). - Und Speer heißt im alten Deutsch GER(EN).

Aber viel eher kommt GEREN aus dem Hebräischen: ger, MZ: gerim bedeutet Pilger. Die religiöse Bezug ist offenkundig.

Vergleiche darüber das Buch des Autors: Die Ortsnamen der Schweiz. Mit einer Einführung über die vesuvianische Namensprägung Europas (2013).

Der Elefant - ein bedeutendes religiöses Symbol im Altchristentum

Unser heutiges Paradigma fußte auf der altchristlichen Religion.

Die älteren Formen der neuen Religion hatten noch viel Heidnisches in sich. Viele Symbole sind nachher von der Kirche verworfen wurden. Die abgespaltenen Elemente aber sind nicht einfach verschwunden. Sie haben sich auf Artefakten aus Holz, Stein und Metall teilweise erhalten. Und andere Religionen, die ebenfalls vom Christentum beeinflußt wurden - das Judentum, der Islam und der Buddhismus - haben gewisse altchristliche Elemente behalten.

Der Elefant war ein bedeutendes Symbol im ursprünglichen Christentum. Beispiele lassen sich genug finden:

 Auf Münzen von Julius Caesar findet sich auf der Rückseite häufig ein Elefant (vgl. die Abbildung).

Denar des Julius Caesar. Rückseite mit dem Bild eines schreitenden Elefanten.

Quelle: Internet


Auf den Caesar-Teppichen im Historischen Museum Bern zieht Caesar in einer Kutsche in Rom ein, die von Elefanten mit Pferdefüssen gezogen werden (vgl. die Abbildung)!

Einzug Julius Caesar in Rom auf einer Kutsche, die von vier Elefanten mit Pferdefüssen gezogen werden

Vierter Caesar-Teppich (Burgundische Tapisserie), Historisches Museum Bern (Ausschnitt)


In der erfundenen Geschichte ist Alexander der Grosse eine Parallelität zu Julius Caesar. - Wenn also Caesar in Rom mit Elefanten einzieht, so auch Alexander in Babylon (vgl. die Abbildung).

Einzug Alexanders des Grossen in Babylon auf einem Streitwagen, der von zwei Elefanten gezogen wird

Gemälde von Francesco Fontebasso, 1762 (Bourg-en-Bresse, Musée de l'Ain)

aus: Michael Pfrommer: Alexander der Grosse. Auf den Spuren eines Mythos, Mainz 2001, S. 104


Der karthagische Feldherr Hannibal soll einen Feldzug gegen Rom unternommen und dabei von Spanien aus Elefanten herangeführt haben. Der Name HANNIBAL (H/NPL = LPN = LFN = ELEPHANTEM) bedeutet selbst schon Elefant.

Heute ist der Elefant nur noch im Buddhismus als religiöses Symbol zu finden. - Doch jene Religion stammt genauso aus dem Altchristentum wie das Judentum oder der Islam.

Schlussfolgerungen

 Der "Elefant" von Geristein  stammt aus der selben Zeit wie der Turm - oder ist älter.

Die Burg Geristein hatte vielleicht einen Zusammenhang mit dem Sodbrunnen der Burg Liebefels, wenig östlich, oberhalb von Hub bei Krauchthal.

Der Elefant im Grat der Burg Geristein  stellt nicht nur ein kulturhistorisches Kuriosum, sondern eine einzigartige Geschichtsquelle dar. Er verrät etwas über die religiösen Vorstellungen in einer Zeit vor der nachweisbaren Geschichte.

Und last but not least bedeutet der Elefant von Geristein ein Naturwunder ersten Ranges im Bernbiet.

Ein anderes Naturwunder etwas östlich von Geristein ist der Felspfeiler Fluhbabi.


14.6.2004/2011/2013/2016