Die Baugeschichte des Berner Münsters im Licht der Erkenntnisse der Geschichts- und Chronologiekritik
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Heutiges Aussehen des Berner Münsters
Aufnahme von SW

Das Münster zu Bern
Aquatinta von Gabriel Lory, Vater
Datiert: Ende des 18. Jahrhunderts
Kürzer, jünger, schneller: Die Baugeschichte des Berner Münsters ist anders zu begreifen
Die nordfranzösischen Kathedralen mögen berühmter sein, ebenfalls die Dome von Köln und Straßburg. Aber das Münster zu Bern hat dennoch keinen Vergleich zu scheuen. In seiner architektonischen Geschlossenheit, der einheitlichen Ausrichtung und der bei allen Verzierungen doch schlichten und dem nüchternen Wesen Berns angepaßten Aussehen gehört dieser Sakralbau zu den bedeutenden Leistungen der Gotik.
Aber nicht der Stil soll hier gewürdigt werden. Vielmehr soll hier den unsinnigen Behauptungen über das Alter und die lange Bauzeit des Münsters entgegengetreten werden.
Die Geschichts- und Chronologiekritik zeigt, daß man auch dieses Bauwerk als relativ jung ansehen muß. Und die Bauzeit währte wohl höchstens eine Generation - nicht Jahrhunderte.
Von spätrömisch über romanisch zu gotisch
Die untenstehende Grafik zeigt sehr schön die Entwicklung der Sakralbauten an diesem Platz.
Es begann mit einer einfachen kleinen Hallenkirche. Diese kann man als spätrömisch bezeichnen. - Nach den neuen Zeitstellungen wäre diese vor dreihundert Jahren - oder ein paar Jahre mehr - zu setzen.
Mit dem Aufbau des "mittelalterlichen" Berns wurde das bisherige Gotteshaus zu klein. Man errichtete eine dreischiffige Kirche mit einem Glockenturm - später durch eine Vorhalle ergänzt.
Der neue Sakralbau wurde um das alte Gotteshaus herum erbaut. Dieses wurde also erst im fortgeschrittenen Baustadium der neuen Kirche abgerissen.
Das neue Bauwerk, Leutkirche genannt, kann als typisch romanischer Bau angesehen werden.
Die neue Stadt Bern wurde in kurzer Zeit größer und ausgedehnter. Die Leutkirche wurde zu klein. Und wie jede Stadt wollte man eine repräsentative Kathedrale haben. Also baute man das heutige Berner Münster. Dieses wurde in der gleichen Art wie die vorherige Kirche aufgebaut. Also daß man die alte Kirche vorerst stehen ließ und die neuen Strukturen um diese herum errichtete. - Wie schon vorher, begann man mit dem Chor.
Im fortgeschrittenen Baustadium des neuen Münsters wurde die Leutkirche abgerissen, das Schiff vollendet und der Turm angefügt.
Nun ein paar chronologische Überlegungen:
Die drei beschriebenen Bauten - die spätrömische Hallenkirche, die romanische Leutkirche und das gotische Münster sind ineinander verschränkt gebaut worden. Es gibt keinen Hiatus. Die bauliche Entwicklung war fließend. - Für die Zeitstellungen heißt das: Die ganze Entwicklung ist innerhalb von ein paar Generationen zu begreifen: Der alte Kirchenbau Berns dauerte Jahrzehnte, nicht Jahrhunderte.
Die "Verschränkung" zwischen alten und neuen Bauten ist nur bei einer relativ schnellen Bauweise möglich. Schon dadurch wird die absurde Annahme einer Jahrhunderte währenden Bauzeit obsolet.
Und da die "mittelalterliche" Stadt Bern erst im frühen 18. Jahrhundert - vor weniger als 300 Jahren - begonnen wurde, wie ich in dem Buch Die Ursprünge Berns dargelegt habe, ist das Berner Münster in einem anderen Zeitfenster zu sehen: Ich schätze die frühen 1730er bis zu den frühen 1750er Jahre.
Das Münster von Bern wurde innerhalb einer Generation - in 15 bis höchstens 20 Jahren aufgerichtet.

Die bauliche Entwicklung zum heutigen Berner Münster
aus: Georg Germann: Bauetappen des Berner Münsters; Sonderdruck, Bern 1985
Die Plattform des Münsters ist zeitgleich
Ebenso wichtig für die chronologische Versetzung des Berner Münsters ist die Terrasse. Die mächtige Münster-Plattform sollte das Terrain, also die Statik des mächtigen Baus garantieren. Und gleichzeitig diente sie auch als willkommener Abladeplatz für Bauschutt jeder Art. - Bekanntlich wurden 1986 in der äußersten südwestlichen Ecke der Plattform die bekannten gotischen Skulpturenfunde gemacht. Diese beweisen die Glaubensspaltung, den Wandel von der alten katholischen zur neuen protestantischen Religion.
Die Außenmauern der Münsterterrasse nun sind mit bossierten Sandsteinquadern verkleidet. Die Buckel treten heute wegen den vielen Renovationen und der Erosion nur noch schwach hervor. - Doch in alten Aufnahmen um 1900 sind sie überdeutlich zu sehen.
Bei den Bossenquadern denkt man unwillkürlich an die noch heute sichtbaren Buckel der Außenmauern des Rundturms zu Geristein nördlich des Bantiger. Das ergibt eine chronologische Klammer: Die Buckelquader der Münsterplattform sind zeitgleich zu denen von Geristein. Sie gehören in die Epoche der Gotik. Diese ist zeitlich mit den aufkommenden Feuerwaffen zu sehen. Ich schätze als Zeit die 1730er Jahre.
Das Münster und die Terrasse sind gleichzeitig erbaut worden - in den Jahrzehnten der Gotik.
Der Skulpturenfund auf der Berner Münsterplattform
Für die Zeitstellung des Berner Münsters und der Plattform stellt der Skulpturenfund eine wertvolles Argument dar. Bekanntlich wurden 1986 in der südwestlichen Ecke der Münsterplattform eine große Menge von zerschlagenen und verunstalteten gotischen Bildwerken mit sakralen Darstellungen (Bischof, Pietà, Heilige) gefunden (vergleiche die untenstehende Abbildung). Diese Kunstwerke gelten als Zeugnisse eines Bildersturms.
Kopf eines Bischofs aus dem Skulpturenfund in der Münsterplattform von Bern
Nun ist der Bau des Berner Münsters zweifelsfrei in katholischer Zeit begonnen worden. Die Vollendung fällt jedoch ebenso sicher in die Zeit nach der Reformation. - Nach der neuen Chronologie muß dieser Religionswandel irgendwann zwischen den 1730er und 1740er Jahren stattgefunden haben.
Die Südwestecke der Münsterplattform - der Ablagerungsplatz der Skulpturen - ist baugeschichtlich der jüngste Teil des Stützbauwerks. Der Bildersturm ist also gegen Ende der Bauzeit der gotischen Kathedrale von Bern anzusetzen.
600-jährige Gotik und 600 Jahre Berner Münster?
Bewußt wurden hier die neuen Einsichten über den Münsterbau und seine Vorgängerbauten vorangestellt. - So kommt man weniger in Versuchung, sich von den absurden Behauptungen der konventionellen Geschichte und Kunstgeschichte beeinflussen zu lassen. Denn was diese über das Münster von Bern und seine Vorgängerkirchen, sowie die Plattform erzählt, ist blanker Unsinn.
So soll mit dem Bau des Münsters im Jahre "1421" begonnen worden sein. Und "1621" hätte man den Bau durch die Abdeckung des Turms vollendet.
Erklärt jemand den Sinn einer 200-jährigen Baugeschichte?
Und weshalb begann man in Bern erst "um 1420" mit dem Bau einer gotischen Kathedrale? - In Frankreich wurde die Gotik doch schon "um 1150" eingeführt!
Erklärt jemand dieses über 250-jährige Nachhinken der Gotik zwischen Frankreich und Deutschland?
Über den Bau des Berner Münsters gebe es Dokumente, zuerst Chroniken, dann Archivalien.
Die ältesten Chroniken sind in die Zeit um 1740 zu setzen. Und über die Zeiten vorher erzählen diese Zeitbücher nur Märchen und Sagen. - Und die Jahrzählung Anno Domini wurde auch erst um diese Zeit eingeführt.
Wenn die alten Chroniken das Münster erwähnen, so deshalb, weil dieses zum Zeitpunkt von deren Abfassung im Bau war. Man muß die Errichtungszeit zwischen 1730 und 1750 sehen - mit Abweichungen von ein paar Jahren nach unten und nach oben.
Die Gotik dauerte nicht 600 Jahre, sondern höchstens zwei Generationen.
Der gotische Glockenzauber des Berner Münsters
Die Grosse Glocke des Berner Münsters, angeblich "1611"
Es soll nicht nur 400-jährige, sondern sogar 700-jährige Glocken geben!
Eine Kirche brauchte auch Glocken. Diese hatten die gleiche religiöse Bedeutung wie die Bauwerke. Also wurden auch Glocken mit hanebüchenen gefälschten Entstehungszeiten bedacht.
Die Grosse Glocke des Berner Münsters wiegt fast 10 Tonnen und soll "am 14. September 1611" durch Abraham Zender und Peter Füssli aus Zürich gegossen worden sein. - War wohl das Schweizer Fernsehen bei dem Glockenguß anwesend?
Aber diese Grosse Glocke verrät in ihren deutschen und lateinischen Schriftbildern und in dem sogenannten Bern-Rych-Wappen eine Entstehungszeit vom Ende des Münsterbaus, also etwa die 1750er Jahre.
Die Mittagsglocke des Berner Münsters mit 6,4 Tonnen Gewicht soll noch älter sein und "am 17. Oktober 1583" von einem Franz Sermund gegossen worden sein. - Papier ist geduldig und nimmt jedes auch noch so absurde Datum an.
Den Vogel schießt die Burgerglocke des Berner Münsters ab: Der 3,8 Tonnen schwere Klangkörper soll "im September 1403 von den Brüdern Nikolaus und Johannes Kupferschmied aus Luzern gegossen worden sein. - Schon vor sechs Jahrhunderten also gab es das Christentum und tonnenschwere Glocken!
Und die Burgerglocke wäre also noch älter als das Berner Münster! - Wer's glaubt zahlt einen Taler!
9/2009, ff.