Die Burg Nydegg in Bern

Eine Burg am Ursprung der Stadt Bern


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Vergleiche auch: Burgen rund um Bern (2016)

Ebenfalls das Burgenverzeichnis für BE, SO, FR, VD


Die vorliegenden Erkenntnisse finden sich auch in dem Buch Die Ursprünge Berns (2013)


Untertorbrücke, neues Untertor und Nydeggkirche in Bern

Feder und Aquarell, um 1790. – Johann Jakob Biedermann (1763 – 1830)

Aus: Cäsar Menz – Berchtold Weber: Bern im Bild, Bern 1981, S. 142



Die Nydegg in Bern

Zuunterst in der Aare-Schlaufe von Bern  liegt das Nydegg-Quartier, überragt und beherrscht von dem Turm der Nydegg-Kirche. Man kennt die Örtlichkeit, und auch die Bern-Touristen kommen dort vorbei, wenn sie zum Bärengraben wollen.

Nicht alle aber wissen, daß dort unten die Topographie der Altstadt sehr verändert worden ist. Durch den Bau der Nydegg-Brücke in den 1840er Jahren erhielt der Bereich der Nydegg eine neue Gestalt. Der Brückendamm mit einer Häuserzeile unterbrach die geschwungene Linie der Hauptachse zum Nydeggstalden und zur Untertor-Brücke.

Aber noch immer zeigt sich das Nydegg-Quartier - besonders von der anderen, nördlichen Seite der Aare aus gesehen - wie ein eigener Ort innerhalb der Altstadt von Bern. Und historisch gesehen war die Nydegg ursprünglich ein selbständiger Platz, der erst später in die werdende Stadt Bern eingefügt wurde.

Sanierung und Ausgrabungen in der Nydegg

Schon die ersten Chronisten Berns erwähnen ausdrücklich die Burg Nydegg als ältesten Teil von Bern. Aber das wahre Aussehen der Wehranlage war bis in die Mitte des 20. Jahrhundert unbekannt. Denn bei der Erbauung Berns wurde die Burg Nydegg abgebrochen und an ihrer Stelle die heutige Nydegg-Kirche errichtet.

Diese Kirche ist ein gotischer Bau. - Aber man darf sich nicht täuschen lassen. Mehrere Renovationen haben das Aussehen des Gotteshauses verändert. Vor allem wurde in der Mitte des 19. Jahrhunderts - nach Errichtung der Nydegg-Brücke - der Chor nach Südwesten erweitert.

In den 1950er Jahren wurde das gesamte Nydegg-Quartier rund um die Kirche saniert, das heißt abgebrochen und die Häuser in einer dem ursprünglichen Aussehen gemäßen Form wieder aufgebaut. - Heute würde man die Sanierung sicher anders machen. Aber wenigstens wurde die ursprüngliche Struktur des Stadtteils erhalten. Vor allem erlaubte die Sanierung eine bauarchäologische Untersuchung der Nydegg. Diese wurde vom Kunsthistoriker Paul Hofer geleitet. Dadurch kamen etliche Fundamente und Reste der Nydegg-Burg zu Tage. Als sichtbarer Teil der Sondierungen wurde der Sodbrunnen vor der Nydegg-Kirche restauriert und zugänglich gemacht.

1991 hat Paul Hofer die Ergebnisse der Ausgrabungen in einem reich illustrierten Band veröffentlicht. Das Werk erklärt nicht alles. Paul Hofer fragt sich selber: War die Burg oder die Stadt zuerst da? - Und der Forscher war geschichts- und chronologiegläubig. Also stellte Hofer seine Befunde in ein legendäres "Hochmittelalter". - Aber die Pläne und die Beschreibung der Reste der Burg sind wertvoll.


Plan der nachgewiesenen Fundamente der Burg Nydegg in Bern mit der späteren Nydegg-Kirche

Bei der Kirche sind nur die alten Teile farbig ausgezogen.

aus: Paul Hofer: Die Burg Nydegg. Forschungen zur frühen Geschichte von Bern, Bern 1991, S. 125

Bearbeitung: Autor


Das Aussehen der Nydegg-Burg

Die Nydegg war ursprünglich wohl ein befestigter Hügel, der den Aare-Übergang der Stadt bewachte. Meiner Meinung war die Burg zuerst ein reines Erdwerk, also mit Burghügel, Graben und Wällen.

Zu einer Zeit wurde aus der Erdburg eine Steinburg. Auf den Burghügel kam ein länglicher, rechteckiger Donjon mit den Massen 12.5 x 16.2 m, mit etwa 3 bis 3,5 Meter dicken Mauern zu stehen. Umgeben wurde die Motte von einer Ringmauer gegen die Stadtseite. Diese bildete zugleich die innere Grabenmauer. Doch auch die äußere Grabenwand wurde gemauert.

Im Bering der Nydegg-Burg wurde ein 22 m tiefer Sodbrunnen abgeteuft. Und selbstverständlich ist eine Toranlage zu vermuten. Diese muß im Westen, gegen die Stadtseite hin, gesucht werden.

Der Donjon der Nydegg ist baugeschichtlich mit zahlreichen Burganlagen zu vergleichen. Paul Hofer nahm auch Beispiele aus Frankreich und England auf.

In der Schweiz ähnelte der Donjon der Nydegg-Burg etwa dem Turm von Moudon (Milden) VD, der als Ruine erhalten ist. Doch auch die Haupttürme von Burgdorf und Thun bilden Vergleiche.

Der Donjon der Nydegg hatte ferner eine verblüffende Ähnlichkeit (Dimensionen, Mauerdicke) mit dem ebenfalls verschwundenen Turm auf Ägerten am Gurten.

Und ähnlich wie die Nydegg ist auch der konservierte Grundriss des Burgturms von Oberwangen (Köniz).

Auch die Burg Rorberg bei Rohrbach im Oberaargau hatte einen gleichartigen Donjon.

Man könnte meinen, der gleiche Baumeister habe Nydegg, Ägerten, Rorberg und Oberwangen geschaffen.

Eine Figur im Burgplan der Nydegg

Wie in vielen anderen Burgen, so steckt auch im Plan der Burg Nydegg eine Figur drin. Man drehe den Plan und erkennt die Kopf eines Pferds oder eines Esels, wobei der Sod wie üblich das Auge darstellt. - Die Ohren des Tiers wurden durch die Brücke oder den Steg gebildet, den man sich in der Biegung des Ringgrabens vorstellen muss.

Betrachtet man das ganze Nydegg-Quartier, so springt noch eine andere Figur heraus: eine Schnecke oder eine Schlange. Die von der Matte herkommende Hauptachse macht beim heutigen Läuferplatz eine Biegung, mit der sie sich in einem Stalden, dem Nydegg-Stalden, als steiler Weg zur alten Burg und heutigen Kirche und zum unteren Ende der Altstadt von Bern hinaufwindet.

Auch der Ortsname beweist die Deutung der Schlange: In der nordischen Mythologie heisst ein schlangenartiger Drache NYDHÖGG(EN). - Die Nydegg ist also nicht - wie eine veraltete Etymologie meinte - eine "Niedere Eck",

Luftaufnahme der Nydegg von 1971

Trotz der durch die Nydeggbrücke gestörten Topographie ist der spiralförmige Charakter der Hauptachse des Nydeggstaldens und -Quartiers deutlich zu erkennen.

Bei dieser Gelegenheit sei darauf hingewiesen, dass es in der Eifel ebenfalls eine Burg Nideggen gegeben hat. - Und das dortige keltische Vorgänger-Oppidum stellt ebenfalls den Kopf eines Pferds oder Esels dar.

Modell des Oppidums von Nideggen in der Eifel


Rekonstruktions-Zeichnung der Burg Nydegg

Aus einer archäologischen Publikation von 2003