Der Korridorbau im Thormannbodenwald auf der Engehalbinsel:

Fundort des berühmten Zinktäfelchens BRENODOR

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Das Thema wird auch behandelt in dem Buch des Autors:

 Die Ursprünge Berns. Eine historische Heimatkunde Berns und des Bernbiets. Mit besonderer Berücksichtigung der Burgen und mit einem autobiographischen Anhang (2021).

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Kartenausschnitt mit den zentralen Teilen der Engehalbinsel: Arena (links) und Korridorbau (rechts)

Aus einer archäologischen Karte von 1959/60, mit Anfügungen von archäoastronomischen Orientierungen.

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Einleitung

Der Thormannbodenwald befindet sich auf der Engehalbinsel nördlich von Bern und links der Aare. Westlich davon liegt das heutige Tiefenau-Quartier. Der Wald hieß bis ins 19. Jahrhundert Hinterer Engewald.

In diesem waldigen Teil der Enge, im Umkreis der Koordinaten 601530/202650, wurde um 1920 der Grundriß eines merkwürdigen gallorömischen Gebäudes festgestellt. Wegen seiner länglichen, schmalen Form erhielt die Struktur den Namen Korridorbau.

Die Befunde wurden nach der Ausgrabung wieder verschüttet. An der Oberfläche ist außer ein paar Steinen nichts mehr zu sehen.

Doch 1984 wurde im Gebiet jenes Korridorbaus im Thormannbodenwald ein bedeutender Bodenfund gemacht, ein Zinktäfelchen mit einer Inschrift.

Der Korridorbau

Die ausgegrabene Struktur bestand aus einer Galerie, die 45 Meter lang, aber nur vier Meter breit war. Zu beiden nach Westen schauenden Schmalseiten war diesem schmalen und langen Korridor je ein rechteckiger, vorspringender Raum angefügt.

Der Korridorbau hat eine Ausrichtung nach 12° Nordosten und zielt in jene Richtung auf die Altstadt, also das spätrömische Kastell von Solothurn.

Diese Himmelsrichtung erweist sich im System der alten keltischen Landvermessung als die Querachse einer vielgebrauchten Orientierung, welche 281° nach Nordwesten weist.

Georges Grosjean hat sich in einem Artikel in den 1980er Jahren mit dem rätselhaften Korridorbau beschäftigt.

Dabei wies er auf eine ähnliche Struktur, eine Wandelhalle, in dem römischen Sakralbezirk von Martberg bei Pommern an der Mosel hin.

Der sogenannte Korridorbau ist demnach als Votiv-Galerie zu erklären.

Seit langem sieht der Autor im zentralen Teil der Engehalbinsel mit der Arena und den drei gallorömischen Vierecktempeln einen abgeschlossenen Kultbezirk.

Der Korridorbau bildete demnach einen Teil des Kultsystems.

Der Korridorbau auf der Engehalbinsel bei Bern

Plan: Autor, nach Otto Tschumi: Vom ältesten Bern. Eine historische Topographie der Engehalbinsel, Bern 1921, S. 15

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Das Zinktäfelchen

1984 fanden zwei Amateure mit Hilfe eines Detektors im Gebiet des besagten Korridorbaus ein Metall-Täfelchen. Die Plakette war in drei Teile zerbrochen, mißt 9,1 x 7,2 cm und ist knapp 250 Gramm schwer.

Durch eine glückliche Fügung kam der Bodenfund in den Besitz der Archäologie. Diese konnte damit aber zuerst wenig anfangen. Die Inschrift schien rätselhaft.

Dem Archäologen Rudolf Fellmann gelang es Ende der 1980er Jahre den Fund zu deuten.

1990 präsentierte Fellmann in einer Abschiedsvorlesung in Bern die wichtigsten Erkenntnisse. - Doch erst ein paar Jahre später konnte man den Fund zureichend erklären.

Eine technologische Analyse ergab unter anderem, daß das Täfelchen schon einmal beschrieben war. Das rare Metall wurde also mehrmals verwendet.

Die Inschrift BRENODOR und die Versuche einer Deutung

Fellmanns Lesung der Inschrift auf dem Metalltäfelchen vom Thormannbodenwald war eine Sensation. Der Forscher fand heraus, daß die vier in griechischen Buchstaben punzierten Worte wohl lesbar waren und entzifferte wie folgt:

DOBNOREDO GOBANO BRENODOR NANTAROR.

Es ist dies eine Mischung aus Gallisch und Lateinisch. Zum leichteren Verständnis kann man diese vier Worte auch so schreiben:

DUBNORAEDO GOBANO BRENODURUM NANTARURA.

Fellmann gelang eine Lesung der Inschrift:

Dem Wagnergott Gobanus, (gewidmet von den Leuten von) Brenodurum im Aaretal.

Es war dies also eine Votiv-Inschrift.

Fellmanns Deutung des Korridorbaus als Votivgalerie erwies sich grundsätzlich als richtig. Wie noch in heutigen Pilgerorten wurden also in jener Galerie Widmungen auf Metall angebracht.

Die Erklärung der Worte auf dem Zinktäfelchen von der Engehalbinsel im Einzelnen ist Sache der Interpretation.

Doch die Lesung könnte ungefähr stimmen.

DUB-NUS bedeutet wahrscheintlich dunkel. - Doch ist dies unsicher.

REDA, RAEDA heißt lateinisch Wagen, Kutsche.

GOBANUS ist ein gallischer Schmiede-Gott. - Im Französischen gibt es den Heiligen Saint Gobain.

BRENO-DURUM muß Bremgarten bedeuten. DURUM ist ein befestigter Ort, deutsch TOR und TURM.

NANT gilt als gallisches Wort für Tal. Man vergleiche den Ort Nant am Wistenlach bei Murten.

AROR, ARURA gilt als lateinische Bezeichnung für die Aare.

Die alten Namensformen sind bemerkenswert. Die Inschrift kann als eines der frühesten schriftlichen Zeugnisse in Helvetien gelten.

Allerdings ist die Zeitstellung des Funds völlig offen. - Wir befinden uns hier in einem inhaltlichen und chronologischen Dunkel.

Übrigens: BRENO (PRM) enthält PRIAMUM, Priamus, und TOR und TURM enthalten TROJAM, Troja.

Ferner hat die Aare zwei lateinische Formen: ARURA und AROLA.

Darüber äußere ich mich in Die Ortsnamen der Schweiz (2021)

Die Inschrift auf dem Zinktäfelchen ist interessant.

Abstruse Deutungsversuche

Die vier Wörter haben mehrere Forscher angeregt. Allerdings kamen sie dabei auf unsinnige Interpretationen.

So hat 2016 der Forscher Daniel Paris auf Grund von Vergleichen mit keltischen Sprachen folgende Übersetzung erschlossen:

"Drunten auf dem Feld ist der harte Stab des Schmieds."

Diese Deutung beweist: Mit einer etymologischen Hermeneutik kann man letztlich alles Mögliche aus diesen vier Wörtern herauslesen.

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Das Zinktäfelchen von der Engehalbinsel

Der Fund ist heute im Historischen Museum Bern ausgestellt.

aus: Rudolf Fellmann: Die Helvetier entlang des Rhein-Stroms, deren Städte Ganodurum und Forum Tiberii.

In: Römische Inschriften. Festschrift für Hans Lieb, Basel 1995, S. 210

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Fazit

Der Korridorbau erweist sich, neben der Die Arena in der Enge als ein Gebäude von herausragender Bedeutung im alten Helvetien und nördlich der Alpen.

Es zeigt sich, daß den alten Strukturen und Funden sehr wohl etwas Sicheres abzugewinnen ist. Allerdings braucht es dazu viel Zeit und Überlegung.

Die gallorömische Engehalbinsel wird dadurch nicht vollständig erhellt.

Und vor allem: Gegenüber vorgeschichtlichen Inschriften ist Vorsicht geboten. Einige Worte reichen nicht, um eine Vorgeschichte zu erhellen.