Heinrich Schliemann und sein „Schatz des Priamos"

      Wie ein Forscher seine Ausgrabungen aufwertete

      (Der Artikel fußt auf eigenen Erkenntnissen und auf den Angaben von Uwe Topper: Fälschungen der Geschichte. Von Persephone bis Newtons Zeitrechnung; München 2001. Dort besonders: Heinrich Schliemanns Beweis für Troja, S. 60 ff.)


      Die Abbildungen stammen aus dem Bildband Der Schatz aus Troja. Schliemann und der Mythos des Priamos-Goldes; Stuttgart - Zürich 1996


      Bausteine zu einer Darstellung berühmter archäologischer und kunstgeschichtlicher Fälschungen

Bereits seit Jahren beschäftige ich mich mit dem Thema. Unter anderem habe ich nachgewiesen, daß die berühmte Goldbüste des Kaisers Mark Aurel aus Avenches eine Fälschung der späten 1930er Jahre ist. Man lese darüber den Artikel Der Mark Aurel aus Avenches. Eine goldene Fälschung.

Ebenfalls befaßt sich Uwe Topper häufig mit gefälschten "antiken" Kunstwerken. - Auf seinen Darlegungen gründet der folgende Artikel auf dieser Homepage: Die Fälschung des Berliner Pergamon-Altars.

    • Wo liegt Troja?

Über Troja hört man so viel, daß man bald nicht mehr weiß, wo ein noch aus. – Es scheint in der ganzen Geschichte keine größere Sensation zu geben als diese Stadt.

Aber wo liegt Troja? – An der Westküste Kleinasiens sagen alle. – Das stimmt. Doch Troja ist eine Chiffre in der erfundenen Geschichte der älteren Zeit und hat Symbol-Bedeutung. Folglich gibt es unzählige Orte rund um das Mittelmeer, die so heißen.

Der Hissarlik-Hügel im westlichen Kleinasien heißt zu Recht Troja. Doch diese Bezeichnung hat der Ort erst zu Beginn der Neuzeit bekommen. Die vielen Bauetappen, die man dort ausgegraben hat (Troja I – VII b) zeigen eine ununterbrochene Besiedlung über längere Zeit. Aber es waren nicht Jahrtausende, sondern höchstens Jahrhunderte. Und die letzte Stadt wurde vor vielleicht 400 Jahren verlassen oder zerstört.

Nun hat also der geniale Amateur Heinrich Schliemann um 1870 den Hissarlik-Hügel zu seinem alleinigen Troja auserwählt und dort ausgegraben. Vielerlei Mauern kamen zum Vorschein. Diese ergaben ein vielfältiges Bild einer über längere Zeit immer wieder aufgebauten befestigten Stadt.

Doch mit Gemäuer allein macht man keine Sensationen. Das begann nach zwei Jahren Ausgrabungstätigkeit auch Schliemann zu spüren: Ob dieses Troja, das Troja der zweiten Schicht, das wirkliche Troja ist? Und wenn ich nicht auch das goldreiche Troja, von dem Homer spricht, durch Funde belegen und nachweisen kann? - Solche Worte soll der Ausgräber nach seinem Biographen ausgesprochen haben.

Man kann schon hier erraten, was nachher geschah. Ein Jahr später, im Juni 1873, fand Schliemann tatsächlich in seinen Ausgrabungen den erwarteten Schatz, den Schatz des Priamos natürlich!

Und seit diesem Fund erst ist Troja wirklich in aller Welt das, was der Ausgräber wünschte: die berühmte Stadt von welcher der griechische Dichter Homer spricht; der Ort der Ilias!

Aber bevor wir ins Schwärmen geraten: Der Dichter Homer ist eine Erfindung der Franzosen der Renaissance. Den Text der Ilias und Odyssee ist erst im 17. Jahrhundert entstanden – und im Westen geschrieben worden. – Wenn Schliemann und seither die ganze Welt von Troja delirieren, so sitzen sie einer grandiosen Geschichts- und Literaturfälschung auf.

Doch gegen Mythen ist schwer anzukämpfen. Bekanntlich kam der „Schatz des Priamos" noch zu Schliemanns Zeiten nach Berlin. Und 1945 verschleppten die Sowjets den goldenen Fund nach Moskau, wo er seitdem lagert. – Erst 1996 wurde der Schatz in der russischen Hauptstadt wieder der Öffentlichkeit gezeigt.

Deutschland möchte diesen Fund sicher gerne wiederhaben. Doch Rußland ist vermutlich zu stolz auf diese Beute, um sie zurückzugeben. – Aber gleich wer den Schatz besitzt: Die Leute wollen nicht wahrhaben, daß sie hier eine plumpe Fälschung vor sich haben.

Ein erster Einwand soll bereits hier berichtigt werden: Das Gold von Schliemanns „Schatz des Priamos" ist echt, gutes Edelmetall.

Uwe Topper gebührt das Verdienst, die Hintergründe von Schliemanns Fälschung richtig erkannt zu haben. Seinen Ausführungen folge ich hier.

      Wie Schliemann eine Fundgeschichte strickte

Angeblich am Morgen des 14. Juni 1873 (oder schon am 7. Juni?) – wenige Tage bevor eine dreijährige Ausgrabungskampagne zu Ende gehen sollte - soll Heinrich Schliemann also eines Morgens mit seiner griechischen Frau Sophia den besagten Schatz in einer Mauernische entdeckt haben.

Sofort hätten die Beiden den hundert Arbeitern den Tag frei gegeben, um den Schatz in aller Ruhe bergen zu können.

Angeblich war dies ein Depotfund, welcher ursprünglich in einer Truhe war. Das Behältnis selbst sei bei dem Brand der Stadt ebenfalls verbrannt. Aber Schliemann fand noch den Schlüssel der Truhe (!).

Der Ausgräber hatte mit der türkischen Regierung ein Abkommen geschlossen, wonach die Fundgegenstände zwischen dem Finder und dem Osmanischen Reich hälftig geteilt werden sollen.

Doch Schliemann setzte sich über diesen Vertrag hinweg. Er ließ den Fund durch treue Diener zur Küste bringen und heimlich in nächtlicher Fahrt über die Ägäis nach Athen bringen. Dort versteckte Schliemann den Schatz in seiner Wohnung.

Nun teilte der Ausgräber der ganzen Welt mit, was er in seinem Troja gefunden hatte. Als augenfälligen Beweis ließ er seine Frau mit dem Goldschmuck behängen und so photographieren (Abbildung).

Porträt von Sophia Schliemann mit dem Grossen Gehänge aus dem "Schatz des Priamos"


Sowohl die Griechen wie die Osmanen stellten nun Ansprüche auf den sensationellen Fund. Ein grosser Rechtsstreit entstand. Schliemanns Wohnung in Athen wurde durchsucht, aber nichts kam zum Vorschein.

Schließlich wurde die Angelegenheit bereinigt. Schliemann einigte sich mit dem Sultan und zahlte ihm die stolze Summe von 50'000 Goldfranken. – Damit war der Finder auch rechtmäßiger Besitzer seines Schatzes geworden.

Aber die Geschichte selbst hat sich anders abgespielt und ist von Heinrich Schliemann ausgedacht worden.

Für Schliemanns Fund in der kleinasiatischen Ausgrabungsstätte gibt es keine Zeugen – außer seiner Frau. – Niemand wußte etwas von dem Fund, bevor der Ausgräber in Athen von diesem erzählte.

Nun aber hat sich herausgestellt, daß Schliemanns Frau Sophia zur Zeit der angeblichen Entdeckung des „Schatzes des Priamos" gar nicht in Kleinasien, sondern in Athen weilte.

Durch Überlegung kommt man langsam der gestrickten Angelegenheit auf den Grund.

Schliemann hatte nur vorgegeben, in der kleinasiatischen Ruinenstätte einen Schatz gefunden zu haben. – In Tat und Wahrheit hat er den Schatz in Athen bei einem Goldschmied anfertigen lassen.

Also ist die Geschichte von der heimlichen Ausfuhr der goldenen Gegenstände aus Kleinasien nach Athen ein Märchen, darauf ausgelegt, der Fundlegende etwas Dramatik zu verleihen.

Doch weshalb hat Schliemann den Sultan mit so viel Geld entschädigt? – Rechtlich wäre er nicht verpflichtet gewesen, da er selbst den Schatz hergestellt hat.

Aber eben deshalb hat Schliemann bezahlt: Er rechnete damit, daß damit alle Welt das Märchen von seinem angeblichen Fund auf dem Hissarlik-Hügel glauben würde. – Denn nach seiner Logik würde doch niemand aus freien Stücken so viel Geld bezahlen.

Schliemanns Rechnung ist aufgegangen. Fast alle haben ihm diese windige Geschichte abgenommen. Damit wurde aus angeblich gefundenen goldenen Gegenständen erst der berühmte „Schatz des Priamos aus Troja".

Die Fundumstände also widerlegen diesen berühmten Fund. Dieser wurde von Schliemann gefälscht, um seine These, er habe das richtige Troja entdeckt, mit einem materiellen Beweis zu unterlegen. - Zu seinen Lebzeiten behauptete dies schon Schliemanns Gegner Heinrich Bötticher.

Auch wenn man das Märchen, mit dem Schliemann seinen Fund umrankte, nicht kennt, so würde die Betrachtung der fingierten Fundstücke ausreichen, um die Behauptung eines antiken Ursprungs der Gegenstände zu widerlegen. – Aber sowohl Forscher wie das Publikum lassen sich in den meisten Fällen unglaublich leicht von Fälschungen einnehmen. Die einfachsten Fragen unterbleiben; Verstand und kritische Vorsicht werden systematisch unterdrückt.

Nur so ist zu erklären, daß das Märchen, wonach Schliemann in Kleinasien einen Goldschatz gefunden habe, bis heute geglaubt wird.

Schliemann selbst hat den Fund fabriziert, wie wir bereits festgestellt haben.

Allgemeines und Einzelnes über den Goldschatz

Aber hat niemand bisher die Gegenstände des angeblichen Fundes aus Troja genauer angesehen? Wenn man nur etwas überlegt, so wird der „Schatz des Priamos" ziemlich bald als stümperhafte Fälschung entlarvt.

Zuerst muß festgehalten werden, daß im heutigen Schatz-Korpus auch echte Ausgrabungsfunde eingeschlossen sind: Äxte für rituelle Zwecke, Schmuckzubehör, Linsen aus Bergkristall, Perlen, Silberfläschchen, Lockenringe, die Statuette einer weiblichen Gottheit, und andere Dinge mehr.

Der Verdacht richtet sich auf die zahlreichen goldenen Gegenstände, die den Hauptteil des „Schatzes" ausmachen. Diese umfassen Schnüre mit Ringen, Halsringe, halbmondförmige Anhänger, Lockenringe, Ohrringe mit Gehänge, Scheiben mir Rosettenmuster, Armbänder, goldene Perlenschnüre, Halbkugelpaare mit Stecker, Diademe, Körbchenohrringe, Stirnbänder, eine Kugelflasche.

Die Goldobjekte sind zuerst alle sehr gut erhalten. Nur von einigen Anhängern werden Fragmente gezeigt.

Auffällig ist das einfache um nicht zu sagen stereotype Dekor dieser Gegenstände: Als Ornamente kommen im Grunde nur vor Punktreihen, punktierte Buckel, Kugelreihen und seltsame brillenförmige Doppelspiralen bei einem größeren Armband (Abbildung).

Grosses Armband mit Spiralornament aus dem "Schatz des Priamos"

61 g Gold von 23 Karat


Der Künstler verrät keine besondere Phantasie und Gestaltungskraft. – Die ornamentale Armut kontrastiert mit dem Reichtum des Edelmetalls.

Wollte man für diesen angeblichen Schatz einen künstlerischen Stil definieren, so könnte man Schliemanns Priamos als prunkvolle Archaik bezeichnen.

Ein Objekt jedoch weckt mehr als nur Mißtrauen und Zweifel, und ein weiteres widerlegt eindeutig den antiken Ursprung der Gegenstände.

Mit dem großen Gold-Diadem mit Gehänge hat Schliemann seine Frau bekanntlich für eine Photographie geschmückt. Und mit dem Stück hat er auch seine größte öffentliche Aufmerksamkeit erregt.

Das monumentale Schmuckstück besteht wiegt fast 200 Gramm Goldblech, besteht aus 12'000 Ringen, 4000 schuppenförmigen Plättchen, die an Goldketten und goldenen Querbändern befestigt sind.

Etwas anders gestaltet, aber in einer ähnlichen Art ist auch das sogenannte kleine Diadem geschaffen.

Die Diademe sind wohl prunkvoll, wirken aber dennoch wie hanebüchen. Es fehlt an überzeugendem stilistischem Ausdruck. Der goldene Glanz überdeckt nicht die augenfälligen Mängel.

Die Saucière des Priamos

Doch am eindeutigsten für Fälschung spricht der gewichtigste Gegenstand des angeblichen Priamos-Schatzes: ein Trinkgefäß mit zwei Ausgüssen und zwei Henkeln (Abbildung).

Trinkgefäß mit zwei Ausgüssen und zwei Henkeln, 600 Gramm 23-karätiges Gold:

Die "Saucière des Königs Priamos"!


Das Objekt wiegt sage und schreibe 600 g und besteht aus massivem Gold mit einem Feingehalt von 23 (!) Karat.

Daraus also soll der goldreiche König Priamos getrunken haben! Wer glaubt denn einen solchen Unsinn?

Doch abgesehen davon hat die Antike selten massiv goldene Gegenstände hergestellt. Man behalf sich mit einer Vergoldung.

Und auch ein Fürst hätte lange warten müssen, bis er über ein halbes Kilo reines Gold beisammen gehabt hätte. – Gold wurde zwar ständig gefördert, aber es wurde vor zu verbraucht. Es ist äusserst unwahrscheinlich, dass man grosse Mengen für eine spätere Verwendung gehortet hatte.

Der Feingehalt dieses angeblichen Trinkgefässes von 23 Karat schließlich liefert die technologische Widerlegung einer antiken Entstehung. Eine so große Reinheit des Goldes ließ sich erst seit dem 19. Jahrhundert metallurgisch erzielen. – Gefördertes Gold – gleich ob Berg- oder Flußgold – hat immer einen viel geringeren durchschnittlichen Feingehalt.

Aber ebenso spricht das Aussehen jenes Objektes gegen eine Antike.

Wie ich den Gegenstand lange betrachtete, kam mir plötzlich die Erkenntnis, daß man es hier nicht mit einem Trinkgefäß zu tun hat, wie uns die Kunstgeschichte weismachen will. Das ist vielmehr eine richtige Saucière, wie sie von der Goldschmiedekunst seit etwa der Mitte des 18. Jahrhunderts hergestellt wurde. Die Form ist die gleiche, ebenfalls die zwei Ausgüsse an den Längsseiten und die beiden Henkel an der Schmalseite.

Vergleicht man die angebliche Trinkschale mit einer Saucière, so wird offenkundig, welcher Gegenstand welchem als Vorbild gedient hat (Abbildung).

Die Unterschiede liegen nur darin, daß der angeblich trojanische Fund den Eindruck eines hohen Alters suggerieren will. Also wurde auf jede Ornamentierung verzichtet, wurden die Ausgüsse seltsam geformt und die seitlichen Henkel plump gestaltet.

Herr Schliemann, wozu hat König Priamos diese Saucière gebraucht? Ließ er sich darin die Sauce Hollandaise für seine Spargeln servieren?

Schliemanns goldene Spur führte weiter nach Mykene

Jetzt ist unter allen Aspekten klar: Heinrich Schliemann hat den Schatz des Priamos herstellen lassen, um seinen Ausgrabungen in dem von ihm entdeckten angeblichen Troja goldenen Glanz zu verleihen und jeden Zweifel zu überstrahlen.

Wenn man den Rummel, der um die Ruinenstadt im westlichen Kleinasien auch heute gemacht wird, betrachtet, so scheint Schliemanns Kalkül aufgegangen zu sein. Niemand stellt kritische Fragen. - Gold blendet offenbar den Verstand gründlich.

Da kommt mir noch in den Sinn, daß Heinrich Schliemann auch nachher in Griechenland Ausgrabungen gemacht hatte. In Mykene zum Beispiel fand er wiederum kiloweise goldene Gegenstände, darunter so berühmte Funde wie die „Maske des Agamemnon".