Albrecht von Haller ("1708 - 1777"): ein (zu) großes Genie!
Der berühmte Berner Gelehrte Albrecht von Haller wird als Universalgenie dargestellt. Aber kritische Überlegungen zeigen: Haller kann unmöglich all das getan und geschrieben haben, was man ihm zuschreibt. Seine Biographie ist nur zum Teil glaubwürdig. Das Genie Haller wurde von einer gelehrten Schreibstube geschaffen und zusammengesetzt.
Albrecht von Haller. Porträt in Öl
Die Robe des Gelehrten soll die Göttinger Professoren-Tracht sein. - Aber Haller war nie Lehrer an jener norddeutschen Universität! Das ist Teil der fingierten Biographie.
Albrecht von Haller: ein (zu) großes Genie in einer noch dunklen Zeit
2008 wurde in Bern von der offiziellen Wissenschaftswelt mit viel Brimborium, mit einer Ausstellung, einem Kongreß und diversen Vorträgen und Publikationen der angeblich 300. Geburtstag von Albrecht von Haller gefeiert. Schon vorher sind mir Zweifel an diesem Universalgelehrten gekommen. Die Lektüre verschiedener Artikel haben diese bestätigt. - Und auch von anderer Seite wurde Kritik an dessen Biographie und Leistungen angebracht.
Unterdessen ist klar geworden: Gemäß der Geschichts- und Chronologiekritik ist das 18. Jahrhundert die Ursprungszeit unserer heutigen europäischen Kultur. Aber die Geschichte jener Epoche ist über lange Jahrzehnte unklar und verschleiert. Wahr werden die Inhalte und Datierungen erst etwa in der Zeit zwischen 1770 - 1780. - Albrecht von Haller steht also biographisch und inhaltlich größtenteils in einer noch dunklen Zeit.
Der wissenschaftliche Säulenheilige Albrecht von Haller
Schon die Biographie von Albrecht von Haller ist zumindest in der ersten Lebenshälfte gefälscht:
Er soll 1708 geboren worden sein. - Aber um diese Zeit gab es weder die heutige Anno Domini-Jahrzählung, noch sind schriftliche Aufzeichnungen enthalten.
Albrecht von Haller soll ein Wunderkind gewesen sein: Mit zehn Jahren soll er eine Chaldäische Grammatik (was ist Chaldäisch?) verfaßt haben.
Mit 15 war Haller bereits Student in Tübingen. Mit 18 1/1 soll er in Leiden in Medizin promoviert haben. Und mit 20 habe er mit dem Zürcher Gelehrten Johannes Gessner eine Fußwanderung durch die Alpen unternommen haben.
Mit 21 habe Haller sein berühmtes Lehrgedicht Die Alpen verfaßt.
Und von 1736 - 1753 soll er Professor für Chirurgie, Anatomie und Botanik gewesen sein. - Aber die Universität Göttingen hat um diese Zeit noch gar nicht bestanden!
Von 1754 an bis zu seinem Tode 1777 soll Haller im bernischen Staatsdienst gestanden haben.
Schon jetzt ist klar: Hallers Biographie bis weit in die 1750er Jahre ist erfunden. Vermutlich hat jener Gelehrte erst etwa ab 1760 zu wirken begonnen.
Der wissenschaftliche Säulenheilige Albrecht von Haller
Hallers Wirken ist also etwa zwischen 1760 und 1777 zu sehen. In jenen gut fünfzehn Jahren aber habe er ein wissenschaftliches und schriftstellerisches Riesenwerk geschaffen.
Albrecht von Haller sei Dichter, Romancier, Staatstheoretiker, Philologe, Botaniker, Anatom, Chirurg gewesen. Und als Magistrat war er Mitglied des Grossen Rates von Bern, Direktor der Salzbergwerke, Rathausabwart (!) und Mitglied etlicher politischer Kommissionen.
Ist Haller zuerst als Politiker und Beamter oder als Wissenschafter zu sehen? - Und von wo nahm er die Zeit für sein schriftstellerisches Riesenwerk?
Denn Albrecht von Haller war in einem unglaublichen Maß produktiv:
Von Haller sind 100 Bände Manuskripte (!) überliefert und 50 Bände gedruckte Schriften (!).
Zudem habe er mit ganz Europa korrespondiert. 17'000 Briefe (!) von und an ihn sind erhalten. - Und ab 1745 soll er jeden Tag (!) eine Buchbesprechung verfaßt haben.
Haller besaß eine Bibliothek von 12'000 Büchern (Goethe zum Vergleich hatte "nur" 5000 Bücher).
Rechnet man alles zusammen, so hat Albrecht von Haller ein geschriebenes Lebenswerk von 25'000 A4-Seiten verfaßt.
Aber so viel Werke, Artikel, Briefe kann ein Einzelner auch in einem längeren Leben niemals schreiben. - Der größte Teil der Schriften und Manuskripte, die unter dem Namen Haller laufen, haben andere geschrieben.
Nehmen wir zwanzig Jahre Wirkungszeit an: Haller hätte jeden Tag ein paar Druckseiten Text verfassen müssen, jeden Tag mehrere Briefe und eine Buchrezension. - Das alles neben seiner Lehrtätigkeit, seinen politischen Ämtern und seiner Lektüre!
Glaubt noch jemand an den Berner Säulenheiligen Albrecht von Haller?
Albrecht von Haller steht für eine Schreibstube von Gelehrten und Schriftstellern, für eine gewaltige biographische, schriftstellerische und wissenschaftliche Fälschung. Der Säulenheilige Haller verliert sein Podest, auf das ihn eine unkritische Nachwelt und eine ebenso unkritische Wissenschaft gehoben haben.
Übrigens:
Die Berner Reformatoren hießen Berchtold (!) Haller und Johannes Haller. - Gehörten diese Kirchenmänner ebenfalls zum Gelehrten- und Schreiberkreis um Albrecht von Haller? – Zeitlich liegen diese Gestalten aus chronologiekritischen Erkenntnissen höchstens eine Generation auseinander.
Denkmal für Albrecht von Haller vom Anfang des 20. Jahrhunderts
Standort: Grosse Schanze, Bern
aus: Berns goldene Zeit, Bern 2008, S. 29
Januar 2009