Johann Rudolf Wyß der Jüngere
DER RITTER VON ÄGERTEN
Ein Schweizer Idyll
Neu herausgegeben von Christoph Pfister
(2006)
Die Dichtung ist enthalten in dem Werk:
Inhaltsseite: www.dillum.ch
aus:
Alpenrosen
Ein Schweizer Almanach auf das Jahr 1814
Herausgegeben von Kuhn, Meisner, Wyß, u.a.
mit Kupfern
Bern – Leipzig (1813)
S. 163 – 176
Bemerkung des Herausgebers:
Der Text wurde in Orthographie und Zeichensetzung teilweise den heutigen Gepflogenheiten angepaßt. - Die altertümliche Sprache und Wortwahl wurden jedoch belassen.
Die Dichtung Der Ritter von Aegerten findet sich danach in:
Johann Rudolf Wyß
Idyllen, Volkssagen, Legenden und Erzählungen aus der Schweiz
Bd. 2, Bern – Leipzig 1822, p. 112 – 127
Dort auch Anmerkung S. 397 f.
Die Ausgabe von 1822 enthält viele textliche Veränderungen.
NOTA BENE:
Der folgende Text enthält die ursprüngliche Version. Von der späteren Ausgabe ist hier - in blau - das Lied des Ritters von Aegerten, das sich in der Chronik von Justinger findet, eingefügt (Wyss hat 1819 bekanntlich jenes Geschichtswerk im Druck herausgegeben).
Vergleiche auch den Artikel:
Die Burgruine Aegerten (Ägerten) am Gurten
Die Dichtung ist zusammen mit der Novelle Der Abend zu Geristein enthalten in:
Johann Rudolf Wyss der Jüngere: Der Abend zu Geristein und Der Ritter von Ägerten (2006)
Blick von Aegerten am Gurten auf die Stadt Bern
Kupferstich von Gabriel Lory, 1813
Abgebildet in dem genannten Werk, gegenüber S. 163
(TEXT)
Dieter und Hans auf den Ruinen des Schlosses Aegerten
Dieter
Hänsel, wo bist du? Hallo! – Da such’ ich und suche vergeblich!
Hier wohl weiden am Rain und benaschen im Walde das Laubwerk
Ziegen und Schafe nach Lust; - doch weg ist Hänsel der Schafbub.
Wahrlich es sollte dem Hirten ein Hirt auch selber bestellt sein,
Daß leichsinnig er nicht umschweife, die Herde verlassend.
Hänsel, wo bist du? Hallo? – Gib Antwort, Hänsel, du Gaudieb!
Hans
Hei, du mein Dieterle, hei! Guck auf! Bin mitten im Busch ja,
Bin auf der Warte ja hier und behüte von oben die Schäflein,
Rings umschauend, bereit hinunter zu stürmen im Sprunge,
Wenn sich nur Eines verirrt. – Gar prächtig beherrsch’ ich die Weide!
Dieter
Neckischer Junge, wo? Wo? Was prahlest von Warte du Kleiner?
Sitzet der lustige Kauz nicht dort auf dem alten Gemäuer,
Schrittlings, gerade so stolz als säß’ er, ein Reuter zu Gaule!
Laß mir den Mutwill’ jetzt, denn gar zerfallen und brüchig
Ist das verödete Schloß, und es droht tagtäglich der Einsturz
Hier das verwitterte Stück, das allein vom Busche noch aufragt!
Hans
Traun, es gereu’t mich hinab von der leuchtenden Zinne zu klimmen,
Denn nicht jeglichen Tag wird rühmlich erstiegen der Gipfel.
Oft schon rissen mit mir die zerbrochenen Steine der Mauer,
Tief mich zu werfen hinab zum Graben in tosendem Falle.
Doch unablässig gewinnt, unablässig ist Meister und Zwingherr!
Also gelangt’ auch ich am heutigen Tage, nicht rastend,
Schau’! Ich gelangt’ empor, wo mit Eifer ich strebte zu thronen,
Hier auf die Braue der Mau’r zur windigen Höhe der Tannen,
Herrlich erhoben vor dir und dem heimischen Dorfe danieden;
Recht, wie du sagtest, zu Gaul, ein alter gewappneter Ritter.
Schön zur Lanze fürwahr dient jetzo der knorrige Stab mir,
Den ich geschnitten vom Holz aufsteigender Eschen, zu leiten,
Grimmig bedrohend, das Volk der genäschigen Ziegen und Schafe.
Dieter
Gut das! – Aber herab nun spute dich König der Herden,
Daß ich dir spende den Sold, der gebühret so fürstlichem Hause;
Brod und den Napf voll Milch, ein beneidetes Mahl der Erquickung,
Würdig des ritterlich-kühn hochtrabenden, winzigen Schafbubs.
Eile mit Weile jedoch, und bedächtig steige zu Boden,
Daß nicht täusche den Fuß ein gelockerter Stein im Gemäuer!
So! – nur weiter, du Schalk! – Der weiß ja die Schliche wie Kätzlein!
Also willkommen mir nun auf der sicheren Erde, mein Ritter!
Laß uns rasten doch hier, wo die Bäume sich teilen und offen
Hin nach Stadt und Geländ’ sich breitet ein fröhlicher Ausblick!
Hans
Horch jetzt, Dieterle! Meinst ich sei stets lustigen Sinnes;
Aber nicht Possen allein, nicht närrische Streiche zu treiben
Saß dort oben ich so; mich lüstet' im Busen zu spüren,
Wie sich vor Alters gefiel auf dem steinernen Rosse der Mauer,
Dieser zertrümmerten Burg hochmächtiger Eigner und Freiherr.
Solches erzählte der Vater mir aus dem ergraueten Zeitbuch
Welches er sorglich treu sich bewahret, wohl über den Winter
Still sich am Abend zu freu’n vergangener lieber Geschichten.
Dieter
Ei doch Wunder! So muß von dir ich nun hören die Sagen,
Welche mich sehnlich verlangt hier über den moosigen Burgstall
Einst zu vernehmen, - dieweil unwissend die Bauern so dahlen,
Dieses und das sei längst verschollen, was etwa dem Urahn
Kund noch war und gewiß von den edelen Herren der Veste.
Eines nur sagen sie wohl, und bewähret ist solches im Lande;
Dort die gar herrliche Stadt an der Aar, auf grünem Hügel,
Halfen sie bauen die Herr’n , die weiland fröhlich gehauset
Hier wo der Schutt anjetzt mit Laub und Tangeln bedeckt ist,
Daß nur kümmerlich noch von dem Schlosse sich Trümmer gefristet,
Während so preislich schön, und ein Segen dem Lande die Stadt ruht,
Mild im Frieden und still, doch wacker und rührig im Kriege.
Hans
Ja, viel tapfere Männer, gerüstet zu blutiger Feldschlacht,
Braucht’ es den Mauern zum Schutz und den Türmen da drüben zur Obhut;
Daß sie so prachtvoll steh’n auch jetzt nach manchem Jahrhundert.
Drum denn sanken umher viel Burgen und prangende Sitze,
Weil sich gewandt zur Stadt die verrühmtesten (sic!) Ritter und Herren,
Dort zum Heil der Gemeinde, verbundenen Sinnes zu streiten,
Wie sie gestritten zuvor um eigener Ehre Behauptung.
Also nun lebt’ auch hier, auf der Aegerten mächtigem Twinghaus,
Mannhaft, biederen Muts, doch übel mit Schätzen gesegnet,
Längst in entwichener Zeit ein gepriesener weidlicher Kämpfer.
Sieh, da beginnet ein Strauss, hoch brennet in Flammen die Kriegswut;
Weiß nicht welches der Fürst im Lande gewesen das hierseits,
Aber der wütende Feind, dem’s galt auf Tod und Verderben,
Saget das Jahrbuch recht, - so hieß er ein König von Böheim [Böhmen].
Wahrlich, da mußte herbei was Schwert und was Lanze zu führen
Kräftig vermocht’ im Geländ’ und es fehlte der Führer allein noch,
Welcher gebietend im Heer zum Kampf und zu Siegen es leite.
Rasch, Vasallen! Zu Ross, und es jage von hinnen ein Fähnlein!
Wo sich auf Aegerten türmt die gewaltige Veste, da hauset
Stolz und erprobt an Herz, und von adlichen (sic!) Taten ein Ritter,
Den ich verlange, mit Kraft zu befehlen dem reisigen Heerbann,
Wenn aufbrechend er jetzt anstürmet die böhmische Kriegsschar.
Bittet mit Züchten und Art, daß Ruhm und Gold zu gewinnen,
Gold, - doch Ruhmes noch mehr, ein so trefflicher Ritter euch folge,
Hier in dem Lager nach mir zu heißen der größte, der erste!
Also der König, und aus schon zieh’n viel dienende Kämpen,
Bis sie gefunden das Schloß; und sie bitten den mannlichen Helden,
Daß er verheißet zuletzt am kommenden Morgen im Frührot
Aufzusitzen, gespornt und gewappnet nach allem Vermögen.
Dieterle horch, nun horch! Bald sag’ ich was droben mich freute,
Wie du gewahret, da breit ich saß auf ragender Mauer.
Kaum noch dämmert in Grau der beginnende Tag, so bereiten
Rüstig die Kämpen sich, heim zum harrenden Fürsten zu kehren.
Schnaubender Gaule Gestampf durchhallet den dröhnenden Zwinger,
Jeglicher sitzt im Sättel gerecht und sie harren des Ritters.
Siehe da schreitet hervor ein Ries’ an Kraft und Gestalt er,
Leicht in der Faust mit Schwung zum Scherz aufbäumend die Lanze.
Quer nun kreuzt er den Hof, doch Lieber, wo stehet das Kampfroß,
Würdig zu tragen den Mann der da führe zu strahlendem Siegsruhm?
Hei, was Tolles geschieht? – Risch hebet in mächtigem Sprunge
Dort sich der Ritter empor, laut toset die prasselnde Rüstung!
Alle nur blicket nach ihm, und gewaltig, als säß’ er zu Gaule,
Sitzet er schrittlings jetzt auf luftiger Zinne der Mauer,
Hastig zu spornen bemühet das tote Gestein, und voll Eifer
Stets antreibend durch Ruf, wie die Reuter ein lästiges Ross wohl.
Glaub’s! – Da blieben verstummt im Hofe die reisigen Männer,
Er[n]stlich besorgt, ob nicht anwandle den Ritter ein Irrwahn,
Bis sie Gelächter ergriff, da sie munter und freudig ihn sehen,
Stets noch tummelnd den Gaul von Kalch [Kalk], von Kiesel und Sandfluh.
Doch bald fassen sie jetzt der Wundergebärde Bedeutung:
Daß wohl trefflich bewehret mit Panzer und blinkendem Helme
Wie mit des Speeres Gewicht und dem Schilde der Ritter zu Dienst sei;
Nur daß fehle der Hengst zum hurtigen Fluge nach Kriegsbrauch,
Wie sich dem Hauptmann fügt, der die Scharen zu leiten erhöht ist.
Also gar emsig zurück eilt wieder das reisige Fähnlein,
Gleich ansagend die Not des weidlichen Helden dem König.
Flugs dann führen sie her ausbündige Rosse zur Veste:
Goldnes Geschmeide bedeckt fern glänzend die Zäume, die Sättel,
Harnische bergen den Leib, und es nicket vom Haupte Gefieder.
Frei und fröhlich hinaus nun sprengen die wackeren Kämpen,
Stolz dem Zuge voran der begabete stattliche Ritter.
Keck drauf fort in das Feld mit Jubel die Fahne des Heerbanns!
Schaurig ertobt voll Grimm das Gemetzel der schrecklichen Krieger,
Und die behuben den Streit, - so sagt das veraltete Jahrbuch,
Denn kühn lenkte zu Sieg und Gewinn, durch tapfere Mannheit
Selbst einbrechend und klug all ratend und weisend der Ritter,
Den sie von Aegerten hier sich hinüber entboten zum Feldherrn.
Und daß wahr ich erzählte, so nimm dies Eine zum Merk dir,
Noch singt etwa von ihm sich ein Lied, verwunderlich seltsam,
Das ich zu singen auch weiß, und ich geb's in den Kauf dir, juchheissa!
Von Aegerten der Ritter zog
In's Feld der wilden Schlacht;
Des Königs erstes Panner flog,
Der Ritter führt die Macht
Voll großer Ordnung steh'n die Reih'n,
Bei lautem Hörnerruf,
Viel Wangen rot von Purpurschein,
Den stolze Hoffnung schuf.
Und Aegerten im Sturm voran
Auf seinem Rappen hoch.
Da schmäht im Heer ein feiger Mann:
Was packt den Ritter doch?
Im Bügel zittert ihm sein Fuß,
Wohl bebt auch so sein Herz!
Der Ritter, der es hören muß,
Blickt zornig hinterwärts:
Es weiß mein Fuß, du schnöder Wicht!
Daß er zu Todesnot
In Feindesscharen mutig bricht,
Drum zittert er, bedroht.
Wohl zittert so der deine nie,
Dir ruft der feige Sinn:
Flieh vor dem blassen Tode, flieh!
Und zagend fliehst du hin.
Die Schlacht begann mit Mord und Graus,
Der Ritter kämpft als Held,
Er kehrt voll Siegesruhm nach Haus;
Der Wicht riß aus dem Feld.
Dieter
Brav das, Hänsel, und recht! Viel Dank für die schöne Geschichte!
Wohl nun rührte sich dir in dem Herzen auch also der Kriegsmann?
Aber bevor doch uns zu verlassen in dürftiger Armut
Dich bald ladet ein Ruf auch irgend zu leuchten ein Herzog,
Lieber so nimm anjetzt ein bescheidenes Essen von mir noch,
Bis auf den Abend gestärkt die Ziegen und Schafe zu hüten,
Nicht zwar rühmlich wie Sieg, doch nutzer uns Hirten im Dörflein.
Wirst du dann mächtig und groß, ei, Bester! So leihe dem Dieter
Gunst und Gehör, daß dir als der erste der Hirten er folge!
(Ende)