Das Schloß Valangin gehört in die Kreuzfahrerzeit! - Aber wann war diese?
Zur Baugeschichte der Burg Valangin (Neuenburg)
Über Burgen in Bern und Freiburg vgl. http://www.dillum.ch/html/inhalt_7.html
Über den Ortsnamen Valangin konsultiere man das neue Ortsnamen-Verzeichnis:
Das Schloß Valangin, nördlich von Neuenburg
Aufnahme: Société d'art et d'histoire du canton de Neuchâtel, 2004
Die Kreuzritterburg Valangin
Seit vielen Jahrzehnten sind Burgen mein Steckenpferd. Die Absicht war von je her, diese Denkmäler zu besichtigen und zu studieren, aber mit Schlußfolgerungen vorsichtig zu sein.
Aus welcher Zeit stammen die vielen Wehranlagen wirklich? – Die konventionelle Forschung wußte bisher auch wenig Rat. Danach gab es jungsteinzeitliche Wehranlagen, keltische Oppida, römische Kastelle, frühmittelalterliche Erdburgen, hoch- und spätmittelalterliche Steinburgen mit einzelnen neuzeitlichen Ergänzungen.
Daß eine solche chronologische Zerstückelung des einen Phänomens wenig hilfreich ist, leuchtet ein. Wie kann man eine keltische von einer mittelalterlichen Burg unterscheiden? Und welches Mauerwerk ist „römisch" und welches „mittelalterlich"?
In meinem Buch Die Ursprünge Berns sage ich, daß ich alle alten Burgen für keltisch, will heißen vorgeschichtlich halte. Eine Wehranlage wurde zuerst als Erdburg angelegt, also mit Wall, Graben und Burghügel. – Erst später kam die Steinburg auf, welche aber meistens in schon bestehende Erdburgen eingebaut wurden. – Doch im Schweizer Mittelland war fast die Hälfte aller alten befestigten Orte ohne Mauerwerk geblieben.
Die Steinburgen halte ich für nachrömisch, spätrömisch oder romanisch – eine Zeit, die ich ins beginnende 18. Jahrhundert setze. – Die markanten Schlösser, welche im Volksbewußtsein mit Burgen schlechthin verknüpft werden, sind also viel jünger als bisher angenommen. – Man kann keiner mauerbewehrten Wehranlage ein Alter von viel mehr als vierhundert Jahren zugestehen.
Und bei der Datierung der Steinburgen ist vom Grundsatz auszugehen, daß diese um so jünger sind, je größer und stärker sie bewehrt. – Aber jünger und älter ist bekanntlich relativ. Hier geht es um Zeitsprünge von Jahren oder allerhöchstens Jahrzehnten.
Etliche Burgen sind sogar als jung anzusehen. Ich schätze sie auf weniger als dreihundert Jahre. Dies deshalb, weil dort etwa der gotische Kunststil durchscheint. Oder es fällt in der Befestigungstechnik auf, daß man etwa mit der Dicke des Mauerwerkes und der besonderen Anlage der Schießscharten bereits an die Feuerwaffen gedacht hat. – Die Entwicklung des Pulvers kann auch erst um etwa 1730 stattgefunden haben.
Indem man gewisse Einzelheiten beobachtet und kombiniert, auch mit etwas gesundem Menschenverstand, kommen bei den Burgen andere Entstehungszeiten heraus. Die absurd frühen Verortungen dieser Denkmäler muß verworfen werden.
Ein paar Beispiele von Burgen und Schlössern aus der Schweiz sollen die Feststellungen erläutern.
Ein Besuch des Schlosses Valangin mit dem gleichnamigen Städtchen, nördlich von Neuenburg (Neuchâtel) am Eingang des weiten Val de Ruz, hat für mich die gedankliche Verbindung zwischen Burgenbauten und Kreuzzügen in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts bestärkt.
Die Wehranlage ist auf einem Felskopf angelegt und besteht aus zwei Teilen (vgl. den Plan). Das nördliche Ende des länglichen Sporns ist durch einen rechteckigen Donjon bewehrt; und am entgegengesetzten südlichen Ende erhebt sich der mächtige Wohntrakt. Beide Teile sind durch eine Ringmauer miteinander verbunden und einst nur durch ein Tor mit Zwinger zugänglich.
Plan der Burg Valangin bei Neuenburg
aus: Thomas Bitterli: Schweizer Burgenführer; Basel – Berlin 1995
Die innere Burg wurde "gegen Ende des 16. Jahrhunderts" durch eine äußere Ringmauer erweitert; eine mächtige Wehranlage, mit einer besonders starken Mauer gegen das Städtchen und zum äußeren Torzugang hin. Dieser Teil trägt auch Schießscharten. Also hat man schon an Feuerwaffen gedacht.
Verstärkt ist die äußere Wehrmauer von Valangin durch neun halbrunde Türme. Diese sind heute wie die gesamte Mauer in der oberen Hälfte abgetragen. Doch der imposante Eindruck - besonders von der Durchgangsstrasse im Westen her - ist geblieben.
Wie ich die äußere Ringmauer studierte, kam mir sofort die Verbindung mit den mächtigen Kreuzfahrerkastellen in Griechenland, in Südanatolien, im Libanon, in Palästina und in Transjordanien.
Auch die Kastelle in der Levante hatten meistens doppelte Ringmauern. Oder aber die innere Burg, das Réduit oder der Donjon, war allseitig von einem äußeren Mauerring umschlossen, der durch viereckige, runde oder halbrunde Türme umschlossen war. Der Grundriß des neuenburgischen Schlosses Valangin erinnert an die Kreuzfahrerburgen, etwa von Margat und den Krak des Chevaliers in Syrien, Montfort in Palästina, Kalamata und Nauplia auf dem Peloponnes. Das beweist Gleichzeitigkeit der Erbauung, bedeutet damit ein wichtiges chronologisches Argument für eine neue Auffassung des Zeitraums zwischen Vorgeschichte und Geschichte.
Bei Valangin wird deutlich, daß der Höhepunkt des klassischen Burgenbaus in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts war. – Später erzwangen die Feuerwaffen eine neue Art von Festungen mit den typischen Bastionen, Tenaillen, Kurtinen, Redouten und Vorwerken.
In meinem neuen Werk Die Matrix der alten Geschichte (2006) gehe ich ausführlich auf die Kreuzfahrer-Burgen ein. Von daher ergibt sich für mich eine chronologische Neuverortung der Kreuzzüge.