Schloß Rümligen im Gürbetal, aber auch Schlosswil und Spiez: Sind die Bergfriede wirklich "mittelalterlich"?


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Das Schloß von La Sarraz (Kanton Waadt)

Foto: Autor, 28.10.2013

Die beiden Türme des Wohnschlosses sehen imposant aus und sind ein begehrtes Sujet für Maler und Fotografen. Aber stellen sie wirklich alte, "mittelalterliche" Wehrtürme dar? Als ehemaliger Bergfried wird der niedrigere Turm rechts bezeichnet. Doch was soll man zu dem hohen, schlanken Turm links sagen ? Wurde er nicht eher zur Repräsentation und aus Imponier-Gehabe errichtet?


Schloß Rümligen im Gürbetal. Ansicht von Nordosten.

Foto: Autor, 1992


Schloss Rümligen

Aquarell von Albrecht Kauw

Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung des Historischen Museums Bern

Diese älteste Ansicht (ca. 1770) zeigt den Schloßturm noch mit einem Zinnenabschluß.


Schloß Rümligen

Lithographie von Johann Friedrich Wagner, um 1840


Rümligen im Gürbetal

Im Gürbetal südlich von Bern gibt es drei bekannte Wohnschlösser, nämlich Toffen, Rümligen und (Neu) Burgistein, alle an der westlichen Talseite gelegen. Gemeinsam ist den drei Bauwerken, daß sie in die Zeit der Gotik oder der Renaissance zu setzen sind - nach geschichts- und chronologiekritischen Überlegungen in die 1760er Jahre. Der Berner Maler Albrecht Kauw hat sowohl Rümligen wie Toffen in Aquarellen festgehalten, das letztere Schloß sogar in zwei Gemälden.

Typisch für die Wohnschlösser der Gotik sind ihre Reminiszenzen an die eben vergangene Burgen-Architektur: Türme und Türmchen, Umfassungsmauern mit Zinnen und Eingangportale zeichnen sie aus.

Neu Burgistein steht südlich der ehemaligen Wehrburg Schönegg oder Alt Burgistein.

Bei Toffen wird an der gleichen Stelle eine alte Burg behauptet, was aber nicht zu erweisen ist.

Rümligen soll ebenfalls eine "mittelalterliche" Burg gewesen sein. Von dieser steht noch der alte Bergfried. An ihn lehnt sich der neuzeitliche Wohntrakt an.

   Ist der Turm wirklich mittelalterlich?

Bei genauerer Betrachtung und längerer Überlegung mutet jedoch das Nebeneinander von altem Wehrturm und neuem Wohnschloß merkwürdig an.

Schon die Lage des Schlosses an einem Abhang paßt nicht wirklich zu einer alten Burgstelle.

Der angeblich alte Bergfried selbst ist sehr schlank und fügt sich nahtlos in die Achse des Wohntrakts ein.

Kauw bildete den Turm von Rümligen mit Zinnen ab. - Später wurden diese entfernt und der Turm erhielt einen Aufbau mit einem Mansarden-Dach. So präsentiert er sich heute.

Ist der Bergfried von Rümligen wirklich älter? - Immer mehr kommt der Verdacht auf, dieser stamme aus der gleichen Zeit wie das Wohnschloß.

Schon erwähnt wurde, daß schon die Gotik und die Renaissance mit einer architektonischen Wiederbelebung der alten Burgenwelt begonnen haben. Es ist also gut möglich, daß etliche der heute erhaltenen Wehrtürme innerhalb der Schlösser Bauten aus der gleichen Zeit sind und durch ein bestimmtes Aussehen ein höheres Alter vortäuschen sollten.

Andere Beispiele: Schloß Wil, Spiez (beide Bern

Rümligen ist nicht das einzige Beispiel eines neuzeitlichen Schlosses, in welches ein angeblich mittelalterlicher Wehrturm verbaut wurde.

Das Schloß Wil in Schlosswil bei Konolfingen enthält einen alten Wehrturm als zentrales Element.


Schloß Wil: Ansicht von Albrecht Kauw

Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung des Historischen Museums Bern


Schloß Wil: Lithographie von Johann Friedrich Wagner, um 1840


Schloß Wil: Ansicht von Süden

Foto: Autor, 22.9.2013

Der angebliche Wehrturm von Wil sieht mit seinem aus grossen und groben Steinen gefügten Mauerwerk "mittelalterlich", sogar "megalithisch" aus. Sogar an der östlichen Seitenwand des Wohntrakts finden sich vorstehende Blöcke, welche eine alte Entstehung bezeugen sollen.

Aber war der Platz des Schlosses Wil wirklich Standort einer alten Wehrburg? - Die Lage auf einem sanften Moränenzug spricht dagegen. - Zu entscheiden ist die Frage selbst durch baugeschichtliche Untersuchungen wohl kaum.


Der Bergfried des Schlosses Spiez

Foto: Autor, 15.11.2012

Der imposante Bergfried des Schlosses von Spiez steht in einem vollkommenen Gegensatz zu den neuzeitlichen Anbauten.

Es werden hier bewußt nur Beispiele aus dem Bernbiet erwähnt. Doch bei vielen Schlössern oder neueren Wohnschlössern ist die Baugeschichte zu überprüfen. Etliche angeblich alte Wehrtürme könnten sich bei einer kritischen Neubetrachtung als zeitgleich zu den erhaltenen Bauteilen erweisen.