Das Amphitheater von Pompeji mit dem Vesuv im Hintergrund

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                Antwort vom 10.4.2007


               Sehr geehrter Herr Schleif,

Mit großem Interesse habe ich Ihre Ausführungen studiert. Sie haben also meine Matrix gelesen. Diese hat Sie zu den mitgeteilten Gedanken angeregt. Gerne antworte ich darauf.

Eine Bemerkung zum Voraus: Sie scheinen in Mitteldeutschland aufgewachsen zu sein. – Man merkt, daß Sie die ehemals östlichen Verhältnisse und Ideologien aus eigener Erfahrung kennen.

Zuerst möchte ich auf Ihre offene Kritik an meiner Geschichtskritik entgegnen.

Sie sprechen von „Laien-Erkenntnissen": Auch Wissenschafter bleiben letztlich Laien. Aber ich beschäftige mich immerhin schon seit einem halben Jahrhundert mit Geschichte.

Die Geschichtskritiker hätten kein Geschichtsmodell entwickelt, das plausibler ist als das alte?

Sie verwechseln hier Anfang und Ende, Ursache und Folgen: Es geht doch zuerst darum nachzuweisen, daß unser Bild von der älteren Geschichte falsch ist, daß diese nicht stimmt.

Ein neues Geschichtsbild ist nur indirekt beabsichtigt: Dieses soll zeigen, daß die inhaltlich wahre und datierbare Geschichte viel jünger ist als wir bisher meinten (heute setze ich diesen Beginn auf die Mitte des 18. Jahrhunderts).

Ist es nicht unendlich viel plausibler, von heute, von der sicheren Geschichtszeit, bis zum Ende der Geschichte hinabzusteigen, zu bestimmen, wann die vermutlich richtigen Kenntnisse aufhören?

Die bisherige Geschichte setzt in frecher Weise Fixpunkte in imaginäre Zeiträume: „Gründung Roms 753 AC", „Geburt Christi 1 AD", „Tod Ottos III. 1002 AD".

Die Geschichtskritiker sind keine „Trotzbuben", welche Teufel mit Beelzebub austreiben. Wir streichen erfundene Geschichte. – Aber gleich nachher behalten wir diese als Geschichtsliteratur, die es wert ist, analysiert zu werden.

„Luther", bzw. der Mann oder die Schreibstube, welche sich hinter dieser Kunstfigur verbirgt, protestierte bloß, ohne etwas zu ändern. – Die Lutheraner könnten im Grunde in den Schoß des Papstes zurückkehren (wie die Anglikaner): Sie sind mehr Katholiken als Protestanten.

Fomenko (und damit auch mich) auf die gleiche Ebene zu stellen wie Marx-Engels-Lenin, ist die Höhe! – Wir verstehen uns als Analytiker, als Kritiker der älteren Geschichte.

Marx & Co. hingegen waren Philosophen oder besser gesagt doktrinäre Geschichtstheologen, pseudoreligiöse Ideologen.

Vergessen Sie nicht, daß die anfängliche Geschichtserfindung religiös motiviert war, wie ich es im Untertitel meiner Matrix ausgedrückt habe. – Wir wollen deshalb die Pseudo-Geschichte als Religions- und Kirchengeschichte entlarven, nicht einen neuen Glauben begründen.

Zu ein paar Einzelheiten in Ihren Ausführungen:

Ich weiß nicht, weshalb Alexander der Grosse ein „Störenfried der Geschichte" sein soll. Diese Figur läßt sich ohne Mühe in die Matrix der erfundenen Vergangenheit einordnen. – In meinem Buch erkenne ich den Makedonenkönig als eine Variante des Heilands, gleich wie etwa Julius Caesar und Karl den Kühnen.

Sie sammeln Münzen aus Baktrien. Das führt zur Frage, was man von den hellenistischen und römischen Münzen halten soll. – Meiner Meinung nach sind diese, wenn nicht absichtlich im Boden vergraben, dann nur eine kurze Zeit im Umlauf gewesen.

Es ist überhaupt evident, daß die Vorgeschichte keine zeitliche Dimension hat: Angeblich Älteres und angeblich Jüngeres stehen auf einer gleichen zeitlichen Ebene. Nur die Geschichtserfindung versucht (vergeblich) eine chronologische Tiefendimension zu schaffen.

Die Humanisten, welche die „antiken", „mittelalterlichen" und „neuzeitlichen" Texte geschrieben haben, wußten als Zeitgenossen zweifellos, daß die Geschichte anders war. Aber das anfängliche Ziel der Renaissance- oder Barock-Historiographie war ein anderes: Nicht Geschichte in unserem Sinn („wie es wirklich gewesen ist"), sondern gut konstruierte, religiös fundierte historische Sagen und Erbauungsgeschichten schreiben.

Die nachmaligen Historiker gehen mit falschen Voraussetzungen an die anfängliche schriftliche Überlieferung heran. Deshalb der furchtbare Murks der alten Geschichte, der sich mit keinen Mitteln auflösen läßt.

Sie erwähnen auch meine Ausführungen über Pompeji und den Vesuv, die auch bei Fomenko eine große Rolle spielen.

Das Vesuv-Ereignis (die endgültige Zerstörung der Stadt Pompeji) ist historisch, nicht erdgeschichtlich wichtig. – Richtig sagen Sie, daß der Ausbruch des Tambora in Indonesien größere Auswirkungen auf Europa hatte als jede Eruption des Vesuvs.

Aber wenn man die Verschüttung Pompejis auf die Zeit vor vielleicht dreihundert Jahren ansetzen muß, so führt das zu einer Revolution unseres Bildes von der jüngeren Kulturgeschichte. – Der Vesuv ist sinngeschichtlich (nicht geologisch) ein Angelpunkt in der Geschichtskritik.

Vielleicht studieren Sie auch einmal mein Buch Der Vesuv ist überall, das diesen Januar in einer endgültigen Auflage herausgekommen ist.

Sehr gut finde ich Ihre Hinweise auf die Kurzlebigkeit der großen Imperien (Napoleon, Hitler). – Das führt häufig dazu, daß die wichtigsten Zeugnisse jener Zeiten vor- oder nachher geschaffen wurden (Hitler-Tagebücher).

Wir müssen annehmen, daß die meisten „römischen" Inschriften und Münzen nach der Epoche entstanden sind, welche damit beglaubigt werden soll.

Richtig ist auch, daß es gilt, unsere Schulgeschichte, unsere Lehrbücher zu entschlacken. Die erfundenen Epochen („Antike", „Mittelalter", „Reformation") müssen herausgestrichen werden. – Diese Teile sind den Geschichtskritikern oder Geschichtsanalytikern vorbehalten.

Unsere Geschichte muß dort beginnen, wo sie glaubwürdig ist, also mit der Aufklärung und mit der Vorgeschichte der Französischen Revolution.