KAUW - ein Berner Maler um 1750

Der bekannte Berner Maler Albrecht Kauw, der angeblich "in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts" wirkte, ist auf Grund vieler Indizien erst ab der Mitte des 18. Jahrhunderts glaubwürdig.

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Albrecht Kauw: Ansicht des Marzilitors in Bern mit dem Münster, der Münsterplattform und der Aareschwelle

Aquarellierte Federzeichnung, ca. 23 X 32 cm (ohne Rahmen)

Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung des Historischen Museums Bern


Das Aquarell ist mit "1669" datiert. - Aber viele aus der Geschichts- und Chronologiekritik gewonnenen Hinweise zwingen zu einer späteren Datierung des Bildes.


Weitere Bilder von Kauw findet man auf dieser Web-Seite in den Artikeln:

Die Namenlandschaft des Frienisbergs

Der Gurten als alter Burgberg von Bern

Das Ankh von Bern


Albrecht Kauw, der erste bernische Maler

Es hat vielleicht ältere bernische Maler gegeben. Doch Albrecht Kauw, mit den angeblichen Lebensdaten "1612 bis ungefähr 1681", ist der erste halbwegs von seiner Biographie und seinem Stil her glaubwürdige Künstler der Stadt.

Von der Geschichts- und Chronologiekritik her, die ich in meinen Büchern Die Matrix der alten Geschichte und Bern und die alten Eidgenossen erklärt habe, beginnt die wahre Geschichte erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Fuß zu fassen. - Aber sicher ist dort noch lange nichts, weder inhaltlich noch zeitlich.

Indem die Schwelle der sicheren Geschichtskenntnis immer weiter gegen vorne rückte, wurden alle Daten der erwähnten Jahrhunderthälfte fragwürdig.

Auch die Verortung von Albrecht Kauw begann für mich zu wanken.Die Indizien weisen darauf hin, daß jener Künstler in das 18. Jahrhundert zu setzen ist.

Kauw: der Maler der bernischen Burgen und Schlösser

Der Maler Albrecht Kauw ist dem wissenschaftlich interessierten Publikum seit langem bekannt. In unzähligen Werken zur Geschichte und Heimatkunde Berns und des Bernbiets finden sich einzelne seiner Burgen-Aquarelle abgebildet.

Doch erforscht wurde Kauw bis in jüngste Zeit kaum. Er blieb jener Künstler, der sich wie ein Steinbruch gut eignete, um alle möglichen Bücher zu illustrieren - aber nicht mehr. - Im 18. und 19. Jahrhundert wurde er auch in der historischen Literatur noch kaum erwähnt.

Erst jetzt hat sich das geändert. 1999 ist von Georges Herzog ein 400seitiges Werk über Albrecht Kauw, den Berner Maler aus Straßburg herausgekommen. Die Monographie stellt ursprünglich eine Dissertation dar. Doch vom Umfang, der Ausstattung und dem wissenschaftlichen Gewicht sprengt die Arbeit den Rahmen einer universitären Abschlußarbeit bei weitem.

Auf der Grundlage des Werkes von Herzog kann die Forschung über Kauw und die ältere Berner Kunstgeschichte erst beginnen. - Doch in der Auseinandersetzung mit der Monographie und dem Fortschreiten meiner Erkenntnisse in der Chronologiekritik begannen gleichzeitig auch die Fragen und kamen Zweifel hoch.

Erste Zweifel an Kauws Datierungen: Geristein

2004 gab ich die Novelle von Johann Rudolf Wyss: Der Abend zu Geristein neu heraus. Ich beließ es dabei nicht bei einer Neuausgabe des literarischen Textes, sondern fügte als Einleitung auch Betrachtungen über die Burgruine Geristein und die merkwürdige Felsformation des Elefanten von Geristein ein.

Von dem Rundturm von Geristein gibt es drei alte Abbildungen, mit denen ich meine Einleitung zur Erzählung von Wyss illustriert habe.

Albrecht Kauw: Geristein (Gerenstein), Aquarell. Datiert mit "1659".

Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung des Historischen Museums Bern.


Die älteste Darstellung von Geristein ist jene von Kauw, datiert "1659" (siehe Abbildung). - Die folgenden Abbildungen stammen von Gabriel Lory um 1824 und von Johann Friedrich Wagner um 1840.

Je mehr ich überlegte, desto mehr Zweifel kamen mir an dem sehr frühen Datum "1559" der Geristein-Abbildung von Kauw. - Zwar habe dieser nach Herzog schon in den 1650er Jahren gemalt, und zwar ausschließlich Stilleben.

Die Kauwschen Stilleben der angeblichen Frühzeit aber zeigen eine Vollendung, zu welcher die behauptete Zeit nicht paßt.

Das Geristein-Aquarell von Kauw ist viel zu früh datiert: Der Rundturm von Geristein ist mitnichten eine "mittelalterliche" Burg, sondern ein neuzeitlicher Artillerie-Turm, eine Antwort auf das Schießpulver - und auch auf die Armbrust.

Solche Artillerie-Festungen sind erst um etwa 1730/40 plausibel. Kauw stellt Geristein als verlassenen, ruinösen Turm dar, auf dessen Krone sogar Bäumchen wachsen.

Das Kauw-Bild von Geristein macht den Eindruck eines frühen Werks von Kauw. Also kann das Aquarell frühestens um 1740 - 1750 entstanden sein.

Kauws Ansicht vom Marzilitor

Bei der Untersuchung der fingierten Geschichte Berns und der Eidgenossen beschäftigte mich auch die sogenannte Reformation. Ich erkannte, daß der Begriff und die Zeit dieser Umwälzung falsch waren.

Die Reformation war in Wirklichkeit eine Glaubensspaltung. In ihr teilte sich ein früheres (römisches) Christentum auf in die heute bestehenden Fraktionen: Katholizismus, Protestantismus, aber auch Judentum, Islam und die verschiedenen sonstigen christlichen Sekten.

Dieses Ereignis war historisch weltbedeutend. Dadurch entstand erst die Geschichtsschöpfung oder Geschichtsfälschung und der Zwang zur Schriftlichkeit.

Die Glaubensspaltung sehe ich kunstgeschichtlich im Zeitalter der Gotik, die ich am Ende des ersten Viertels des 18. Jahrhunderts beginnen lasse.

In Bern nun wurde vor einigen Jahrzehnten ein hervorragender Fund aus jener Epoche gemacht. Die Rede ist von den Skulpturen, die man 1986 im südwestlichen Teil der Plattform des Berner Münsters als Füllschutt entdeckt hat. - Die Kunstgeschichte sieht diese Bruchstücke natürlich getreu dem Geschichtsbuch als "vor 1528" entstanden an. Aber unter der neuen Chronologie sind die Skulpturen vielleicht in den 1740er Jahren zerschlagen und abgelagert worden sein.

Kauw nun hat eine sehr schöne Ansicht des alten Marzilitors geschaffen (vergleiche die Abbildung unterhalb des Titels).  Der Blick geht dabei zum alten vollendeten Münsterturm mit der Dachabdeckung von angeblich "1621" und zur ebenfalls vollendeten Münsterplattform mit den beiden Ecktürmen.

Albrecht Kauws Aquarell vom Marzilitor nun trägt das Datum "1669". Dies ist aus chronologiekritischer Sicht unmöglich. Bern gab es damals noch gar nicht.

Kauws Bild vom Marzilitor muß nachverschoben werden. Die Ansicht ist in die 1750er Jahre anzusetzen.

Kauw: Schloß Utzigen von Süden

Etliche Aquarelle von Burgen und Schlössern hat Kauw nachher als Ölgemälde ausgefertigt. Dies ist etwa der Fall bei des Sujets Reichenbach, Bremgarten bei Bern, Toffen, Landshut und Utzigen.

Bei den Schloßgemälden Kauws ist die Staffage des Vordergrundes reichhaltiger und weniger stereotyp als bei den Aquarellen. Dies erlaubt größere Einblicke in die mögliche plausible Entstehungszeit.

  Das erwähnte Schloß Utzigen hat Kauw zwei Mal in Öl gemalt, einmal als Süd- und einmal als Nordansicht.

Albrecht Kauw: Schloß Utzigen von Süden (Detail): Jagdszene

aus: Georges Herzog: Albrecht Kauw, Bern 1999, Seite 257


Bei der Südansicht von Utzigen (vergleiche die obige Abbildung) findet sich im Vordergrund eine Jagdszene. Ein Jäger, dem Jagdhunde vorauseilen, verfolgt zwei Hirsche, und von der Seite her schießt ein Jäger auf die Tiere.

Die Jäger nun sind mit Gewehren bewaffnet. Diese kann ich mir frühestens ab der Mitte des 18. Jahrhunderts vorstellen, vielleicht sogar erst nach 1760.

Kauws Gemälde - und wohl auch seine Aquarelle - gehören in die beginnende Barockzeit und sind entsprechend nachzudatieren.

Der Maler Kauw aus Straßburg und die Berner Bilderchroniken

Im Buch Bern und die alten Eidgenossen weise ich an vielen Stellen auf eine biographische Merkwürdigkeit bei vielen Künstlern und Schriftstellern aus den unbelegten Jahrhunderten vor der wahren Geschichte hin: Diese waren nämlich meistens nicht Bürger des Ortes, sondern Zugewanderte: Justinger kam aus Süddeutschland, desgleichen Anshelm. Und die Familie Schilling stammte aus Solothurn, bevor sie in Bern und Luzern zu Ruhm und Ansehen kamen.

Und Albrecht Kauw kam aus Straßburg. - Nun sind Künstler bekanntlich weitgereiste Leute, und ihre Wirk-Orte selten identisch mit den Geburtsorten.

Aber Kauws Biographie hat noch eine andere Unstimmigkeit. Von ihm kennt man das Geburtsjahr "1621", belegt sogar durch eine - natürlich falsche - Geburtsurkunde. - Doch das Sterbejahr des Künstlers ist unbekannt. Man sagt, er müsse "nach 1681" gestorben sein.

Ein unbekanntes Sterbejahr in einem Zeitalter der beginnenden Schriftlichkeit ist unglaubwürdig.

Der Umstand zeigt, daß Kauws Biographie gefälscht und rückdatiert ist. - Vielleicht verbirgt sich dahinter sogar ein anderer Künstler.

Aber daß Kauw aus Straßburg kam, beweist ein Detail aus der berühmtesten der Berner Bilderchroniken.

Diebold Schilling; Spiezer Bilderchronik: Einfall eines englischen Reiterheeres ins Elsaß (Detail): Ansicht der Stadt Straßburg mit dem doppeltürmigen gotischen Münster

Johann Ludwig Aberli: Ansicht von Yverdon von der Seeseite her (Detail)


In der sogenannten Spiezer Chronik des Diebold Schilling, die gemeinhin "um 1483" angesetzt wird und die ich aus inhaltlichen Gründen um mehr als 250 Jahre nach vorne verschiebe, gibt es eine Darstellung des Einfalls eines englischen Reiterheeres ins Elsaß.  Dort sieht man im Hintergrund die Stadt Straßburg (vergleiche die Abbildung) mit ihrem rundlichen Perimeter und dem gotischen Münster mit der charakteristischen Westfassade mit nur einem vollendeten Turm. So aber kann sich die Stadt und das Münster erst nach 1750 präsentiert haben. - Und der Zeichner kannte die elsässische Stadt aus eigener Erfahrung.

Es hat offenbar tatsächlich einen Künstler aus Straßburg in Bern gegeben. Und dieser war sehr vielseitig.

Kauw hat vielleicht bei der Illustration der Bilderchroniken mitgewirkt.

Aber es gibt noch einen anderen Berner Maler, der als Illustrator des Spiezer Schillings in Frage kommt: Johann Ludwig Aberli (1723 - 1786). Dieser Maler hat bekanntlich die auf alt gemachte Sickinger-Ansicht von Bern gemalt. Also könnte er für andere pseudoalte Bilder verantwortlich sein.

Schaut man sich den Ausschnitt der Aberli-Ansicht von Yverdon (siehe Abbildung) an, so fällt die frappante Ähnlichkeit, besonders in der Behandlung des Wassers und der Bäume mit der Schilling-Ansicht von Straßburg auf. Zufall oder gleicher Maler?

Das Geschlecht der Erlach als Auftraggeber von Kauw und Diebold Schilling

Die Sache mit den Bilderchroniken führt weiter. Kauw malte Aquarelle und Gemälde von Burgen und Schlössern und schuf Landschaften und Stilleben in holländischer Manier.

Die Burgen-Aquarelle malte Kauw für das Bernische Ämter- Regiments- und Geschlechterbuch, das ein Viktor von Erlach in Auftrag gab.

Die erwähnte Spiezer Bilderchronik des Diebold Schilling hatte ebenfalls einen aus dem Geschlecht der von Erlach zum Auftraggeber.

Lassen wir die unglaubwürdigen Zeitunterschiede beiseite, so ergibt sich ein Zusammenhang: Das regimentsfähige Geschlecht der Erlach war es, welche die erfundene Geschichte Berns unterstützte.

Die Chronisten Berns nannten sich Justinger, Tschachtlan, Schilling und Anshelm. - Die Künstler hießen neben Plepp und Sickinger vor allem Johann Dünz und Albrecht Kauw

Als wichtigsten Geschichtserfinder nenne ich in meinem Buch des Historiographen Michael Stettler, der in die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts eingeordnet wird. - Aber dieser Chronist kann erst etwa nach 1740 gewirkt haben.

Und neben Michael Stettler gibt es kurz nach Kauw noch einen Künstler, der Wilhelm Stettler hieß und ebenfalls in holländischer Manier Ansichten von Bern malte.

Die Beziehungen zwischen Kauw und Wilhelm Stettler sieht Herzog in seiner Monographie nicht.

Doch Albrecht Kauw hatte noch einen angeblichen Adepten, den Maler Johannes Dünz, dem eine sagenhafte Lebenszeit von "1646 bis 1736" zugedichtet wurde. - Dünz zeichnet schon in den Burgenaquarellen für manche Vorzeichnung - und vielleicht auch für die Vollendung - verantwortlich.

Doch auch die Beziehungen zwischen Kauw und Dünz sind für Georges Herzog kein Thema.

Die Sache ist also mehr als unklar und wird wohl auch so bleiben.

Zwischen Kauw, Wilhelm Stettler und Dünz bestehen Zusammenhänge. Und alle diese Künstler werden erst gegen 1730 glaubwürdig.

Ebenfalls könnte ein eingehender Vergleich zwischen den Berner Bilderchroniken und den frühen namentlich bekannten Berner Künstlern Zusammenhänge feststellen.

Kauw und Niklaus Manuel

Auf eine allgemeine kunsthistorische Merkwürdigkeit habe ich auch in Bern und die alten Eidgenossen hingewiesen. Die Forschung weiß es und drückt es aus, ignoriert aber das zu Grunde liegende Problem: Es gibt Dark Ages in der Kunstgeschichte. Zwischen der Reformation "um 1528" und der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts klafft eine hundert- bis hundertfünfzigjährige Lücke. In dieser Zeit gab es keine Kunst, sind keine Künstler bekannt.

Ein solches schwarzes Loch ist nur das Ergebnis einer falschen Chronologie. Man hat die "Reformation", also die Glaubensspaltung, die zu Beginn des 18. Jahrhunderts eben erst stattgefunden hat, zeitlich zurückverschoben, um eine Distanz zu den Ereignissen zu suggerieren.

Albrecht Kauw selbst zeigt diesen unmöglichen chronologischen Hiatus - und er gibt auch Hinweise, wie sich die Lücke schließen läßt.

Der letzte vorreformatorische Künstler Berns soll Niklaus Manuel Deutsch gewesen sein. "Kurz vor 1528" soll er seine berühmten Fresken des Totentanzes an einer Mauer des Predigerklosters gemalt haben. Das Kunstwerk wurde angeblich in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts zerstört.

Vorher aber fertigte Kauw noch Kopien von Manuels Fresken an.

Und Kauw malte auch einen Stammbaum des Geschlechts der Manuel!

Mit dem neuen Geschichtsbild läßt sich die künstlerische Dürre in Bern zwischen Niklaus Manuel Deutsch und Albrecht Kauw auflösen:

Manuel wirkte kurz vor Kauw, noch zur Zeit des katholischen Berns. Kauw führte sein Werk unter protestantischen Vorzeichen fort. Aber zwischen den beiden Künstlern liegen höchstens Jahre oder ein Jahrzehnt, keineswegs ein Jahrhundert oder noch mehr.

In meinem Buch Die Ursprünge Berns (2008) befasse ich mich ebenfalls mit den frühen Künstlern Berns, besonders also mit Kauw und Dünz.


Oktober 2005. Dezember 2005. Ergänzungen: Oktober 2007, Januar 2009