Die neue Burgenkarte der Schweiz - Kritik

Eine Neuauflage war nötig. - Leider ist sie mit grossen Mängeln behaftet.


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Über Burgen in Bern und der Westschweiz vgl.: http://www.dillum.ch/html/dillum_burgen_artikel_be_so_vd_fr.htm

Über Burgen in der Umgebung von Bern vergleiche: http://www.dillum.ch/html/burgen_rund_um_bern_2016.htm


Vorbemerkung:

Die Besprechung stützt sich hier ausschließlich auf den westlichen Teil, da der Schreiber dort am meisten Burgen kennt und deshalb auf viele Einzelheiten eingehen kann.


Die neue Burgenkarte in zwei Teilen 2007

Endlich ist die zuerst in den 70er Jahren in vier Teilen erschienene Burgenkarte der Schweiz neu herausgekommen. - Eine Neuausgabe drängte sich auf. Denn die alte Karte schleppte viele Irrtümer mit und hat viele, auch bedeutende Burgplätze nicht erwähnt.

Die Neuausgabe hat zuerst einen unschätzbaren Vorteil: sie besteht aus zwei, statt wie bisher aus vier Teilen: Westliche und östliche Landeshälfte. Das ist zuerst viel einfacher zum Benützen. - Und die Tatsache, daß nun in jedem Teil auch ein Teil des Alpenraumes dargestellt ist, erhöht den Sinn für die Zusammenhänge. Jura, Mittelland und Alpen werden nun als Einheit begriffen. Und wie bei der alten Burgenkarte ist auch das benachbarte Ausland mit einbezogen.

Die Karte im Maßstab 1:200'000 ist sehr gefällig und handlich. Die eingezeichneten Burgstellen treten deutlich hervor. – Wie üblich sind die Zeichen für die Burgen sehr detailliert.

Während jeder Teil der alten Burgenkarte aus drei Dokumenten bestand (Karte, Broschüre mit Detailkarten und Beschreibungen), so sind es in der Neuausgabe zwei: Die Detailkarten sind in die Broschüre mit den Beschreibungen integriert.

Die Detailpläne sind erfreulicherweise überarbeitet. So ist beim Plan von Bern die von Paul Hofer behauptete Kramgass-Ringmauer weggelassen.

Den beiden Bändchen mit den Beschreibungen ist eine ausführliche Literaturübersicht angefügt.

Der Burgenfreund hat mit der neu herausgegebenen Burgenkarte der Schweiz ein unentbehrliches Hilfsmittel und Grundlagenwerk zur Verfügung.

Mehr und neue Burgstellen aufgeführt

Inhaltlich fällt zuerst auf, daß in der Neuausgabe der Burgenkarte gegenüber dem alten Werk mehr Burgstellen aufgeführt sind.

Ein paar Einzelheiten:

Die Erdburg Seedorf bei Noréaz, westlich von Freiburg, ist jetzt beschrieben (S. 53). – Es war unverständlich, wie eine so gewaltige Wehranlage im früheren Verzeichnis übergangen wurde.

Aufgeführt sind jetzt zum Beispiel auch:

Die Wehranlage Aspitanne oder Aspikopf bei Murzelen (S. 26) und Weichselgraben bei Signau (S. 44).

In der Umgebung von Innerberg - Murzelen sind neben der erwähnten Aspitanne gleich vier neue Erdwerke verzeichnet.

Gestrichen hingegen wurde das merkwürdige Erdwerk Gestelen bei Kaufdorf. - Weshalb will man eine so deutlich im Gelände sichtbare alte Befestigung nicht mehr anerkennen?

Wenn auch der Schlosskeller oder die Schlosschällen westlich von Hinterfultigen im Schwarzwassergraben aufgeführt ist, so ist das verdienstlich. - Aber darf man die zwei dortigen Felsköpfe mit ihren künstlichen Bearbeitungen im Fels als Burgen ansprechen?

Völlig unverständlich ist, dass die doch recht deutliche Abschnittsbefestigung von Bürglen nordöstlich oberhalb von Brenzikofen BE nicht mehr aufgeführt ist. - Versehen oder Absicht?

Fehler sind in einem solchen Werk offenbar unvermeidlich. Deshalb sollte man alle Angaben jeweils überprüfen.

Einige Beispiele:

Bei Sandbühl BE (S. 42) wird von einer Ortschaft Mürzelen (statt Murzelen) gesprochen.

Schlimm ist, wenn Flugbrunnen oberhalb von Bolligen plötzlich Flügbrunnen geschrieben wird (S. 31). - Wer hat hier Korrekturen gelesen?

Je mehr Fehler man entdeckt, desto mehr vermutet man, daß auf Verbesserungen wenig Wert gelegt wurde.

Bei Englisberg auf dem Längenberg oberhalb von Kehrsatz sind die Koordinaten der Burgstelle am Rande des Gummerslochs richtig angegeben. Aber der Platz befindet sich westlich (nicht nördlich) des Weilers und der Anstalt Kühlewil.

Die Burgstelle Räsch bei Düdingen ist auf der Karte an einem falschen Ort eingezeichnet: Diese befindet sich rechts der Saane, neben dem gleichnamigen Weiler. - Auf der Karte ist sie links des Flusses, am nördlichen Stadtrand von Freiburg zu finden.

Ebenfalls ist immer noch nicht die Erdburg im Bois de Pérolles in Freiburg (578'880/182'920) verzeichnet. Der Autor hat sie vor zwanzig Jahren erkannt. Die Burgstelle ist zwar überdeutlich sichtbar, liegt aber offenbar zu nahe der Stadt.

Überhaupt scheint der Kanton Freiburg sehr stiefmütterlich behandelt worden zu sein. Dort sind etliche Wehranlagen nicht verzeichnet:

La Baume bei Corpataux, im NE der Ortschaft, auf einem Sporn gegen die Saane,

Chapelle Saints-Pierre-et-Paul bei Treyvaux, im NW des Ortes auf einem Sporn gegen die Saane,

Aux Communs d'Avaux bei Hauteville,

Die Burg südöstlich von Murten.

Was ist der Grund für diese Auslassungen? - Besser keine Fragen stellen!

Wirrwarr der Begriffe

Der Rezensent hat aber schon bei der Ankündigung der neuen Burgenkarte geahnt, daß sich inhaltlich gegenüber dem alten Kartenwerk substantiell nicht viel ändern wird. Die Durchsicht bestätigt die Vermutung.

Weiterhin werden die einzelnen Burgstellen in teilweise abenteuerliche Begriffe und Kategorien gezwängt.

- Die Erdburg im Hünliwald bei Allmendingen - die ich seit Jahren als den alten Frumberg erkenne - soll eine "prähistorische Wehranlage" sein,

- Bachsgraben bei Gysenstein ein "Erdwerk der Bronzezeit",

- Le Ressat östlich von Autigny FR: "möglicherweise zur Zeit der Römer besetzt",

- Sandbühl bei Innerberg eine "hochmittelalterliche Motte" und

- Buchholz bei Eppenberg-Wöschnau zwischen Olten und Aarau als Refugium eine "wohl eisenzeitliche Wehranlage" (S. 72).

Wie kann man bronzezeitliche von eisenzeitlichen Gräben und Wällen unterscheiden?

Was soll dieses unsinnige Navigieren zwischen Vorgeschichte, Früh- und Hochmittelalter? - Und weshalb die immer wiederkehrende Bemerkung: Erdwerk "von unbestimmter Zeitstellung" oder "keine urkundliche Erwähnung"? - Wer behauptet, man könne in der Vorgeschichte datieren? Weshalb müssen die Burgen immer in Epochen hineingezwängt werden?

Und einmal mehr soll wiederholt werden: Urkunden sind wertlose historische Dokumente.

Geschichts-Schrott

Ärgerlich wird die Burgenkarte mit ihren Beschreibungen, wenn sie glaubt, an ihre Beschreibungen Pseudo-Geschichte hängen zu müssen.

Ein paar Beispiele sollen genügen:

Altreu (Kanton Solothurn), S. 71: Das sei ein mittelalterliches Städtchen gewesen (vielleicht schon damals von Störchen bewohnt?) und "1279" erweitert (war wohl die Schweizer Presse anwesend?) und "1375" im sagenhaften Gugler-Krieg zerstört.

Von Illens (deutsch: Illingen) FR wird gesagt (S. 49 f.):

Die Festung stamme "wahrscheinlich aus dem 12. Jh.", der heute noch gut erhaltene Wohnturm (der sogar ein großes Kamin zeigt) aber sei "gegen 1470" errichtet worden und noch nicht fertiggestellt gewesen, als ihn die Eidgenossen "1475" zerstörten.

Die alten Eidgenossen müssen wirklich Barbaren gewesen sein, daß sie so schöne Donjons mutwillig anzündeten!

Aber halten wir uns an dieser Märchen-Geschichte nicht auf: Der Wohnturm von Illens stammt aus der zweiten Hälfte des 18. Jhs.

Bei der Burg Laupen BE wird die Beschreibung sagenhaft und phänomenal genau:

Die Burg sei "im 11. Jahrhundert" als burgundische Residenz gegründet worden, "um 1032" erweitert und "um 1200* durch den Bau eines Bergfrieds und einer Ringmauer erweitert worden. - Irgendwann "zwischen 1280 und 1310" habe man dann einen Palas angefügt.

Für wie dumm halten uns eigentlich die Kunsthistoriker, die eine über dreihundertjährige Baugeschichte behaupten wollen? - Wissen die nicht, daß der Mörtel erst vor weniger als 300 Jahren die Baukultur revolutioniert hat?

Neben den Burgen verzeichnet die Karte auch die sagenhaften Schlachten der alten Berner und Eidgenossen. Aber hier beweisen die Autoren des Verzeichnisses, daß sie sogar mit dem offiziellen Geschichtsbuch auf Kriegsfuß stehen:

Die "Schlacht bei Laupen" (S. 35 f.) wird auf den "1. Juni 1339" datiert. - Das richtige Datum ist jedoch der Zehntausend Ritter-Tag, also der 21. oder 22. Juni.

Der Geschichtsschrott nimmt den Platz weg für eine genauere Beschreibung einer Anlage.

Sternenberg bei Scherliau (Köniz) wird so beschrieben: Auf dem Hügel südlich von Scherli-Au. Ehem. Sitz der Grafen von Laupen-Sternenberg. Keine Mauerreste sichtbar. (S. 42)

Dabei ist der ovale überhöhte Burghügel von Sternenberg (vgl. die Abbildung) sehr gut erhalten und – da nicht bewaldet – gut sichtbar. – Der Burgplatz verdiente eine detailliertere Beschreibung. – Da würde man gerne auf die fiktiven „Grafen von Laupen-Sternenberg“ (wer hat diese Herren erfunden?) verzichten.

Sternenberg bei Scherliau, südlich von Köniz. Ansicht von Südwesten

Foto: Autor, 28.7.2013

Der ovale überhöhte Burghügel ist gut erhalten. Er war ursprünglich wohl von einem Ringgraben auf drei Seiten umgeben. Gegen den Scherlibach auf der Ostseite machte der Steilabfall einen Graben unnötig.


Anbiederung an die Mundart

Die Autoren der neuen Burgenkarte haben offenbar eine neue Masche entdeckt: Man gebe die Ortsnamen in einer Dialekt-Aussprache wieder. Offenbar hofft man dadurch, Sympathien zu gewinnen, um den unsäglichen Geschichts-Schrott und die unsinnigen Datierungen vergessen zu machen.

Also heißt etwa:

Sandbühl (Gemeinde Wohlen): Sandbüel

Weichselgraben (Gemeinde Signau): Weichselgrabe

Helfenstein (Gemeinde Wahlern): Hälfestei (sic!)

Kramburg (Gelterfingen am Belpberg): Chramburg

Sind die Autoren dieses Verzeichnisses alles fanatische Anhänger von Rudolf von Tavel ( „Ring i dr Chetti“)? – Haben diese Leute nicht kapiert, daß sprachlicher Heimatschutz heute nirgends mehr hin führt?

Etliche Bezeichnungen von Burgstellen haben gegenüber der alten Burgenkarte geändert. Fortschritt oder Rückschritt, Annäherung an die Wirklichkeit oder Entfernung von ihr? - Man weiß es nicht.

Gegenüber früher muß man suchen:

Kästlifuren BE unter Büfelhölzli

Vuardaz FR unter Ecuvillens

Horad SO unter Schloßhubel

Ätingen SO unter Alt Schloß

Fazit

Die neue zweiteilige Burgenkarte der Schweiz ist ein gutes Hilfsmittel. – Aber man hätte es besser machen können.

Der Ärger, den die Beschreibungen der Burgenkarte machen, widerspiegelt das Elend der Burgenforschung. Diese befindet sich heute in den Klauen der Archäologen und Kunsthistoriker. Die wollen unbedingt „Wissen“ hervorzaubern.

Aber über die alten Burgen wird auch in Zukunft das Nichtwissen größer sein als die paar sicheren und wahrscheinlichen Erkenntnisse.

Und weshalb startet man kein Programm, um vermehrt genaue Pläne von Erdburgen zu erstellen? Eine große Anzahl solcher kartographischer Aufnahmen wäre für die Burgenforschung viel nützlicher als Ausgrabungen.


 10.2007/2013