Christoph Pfister: Die Mär von den alten Eidgenossen (Dillum Verlag, 2003)


Ergänzungen


Weshalb findet sich im Veltlin eine trojanische Namenlandschaft?

Projekt für ein – nicht ausgeführtes – „schweizerisches Nationaldenkmal" in Bern von Bildhauer Robert Dorer 1874

aus: Karl F. Wälchli et al.: Bernische Denkmäler. Ehrenmale in der Gemeinde Bern und ihre Geschichte; Bern – Stuttgart 1987, S. 13


Weshalb findet sich im Veltlin eine trojanische Namenlandschaft?

In meinem Buch habe ich mehrere historische Namenlandschaften in der Schweiz beschrieben. Diese sind einsichtig, weil ihnen ihnen Orte eingebettet sind, welche in der erfundenen Geschichte eine Rolle spielen.

Ich erwähne die griechische Namenlandschaft von Laupen, die burgundische Namenlandschaft bei Murten und die Vesuvberge der Innerschweiz.

Es lassen sich aber auch Namenlandschaften in Gegenden feststellen, die nicht mit besonderen historischen Ereignissen verknüpft sind. Ich behandelte den Bielersee, das Gürbetal und das ehemals bündnerische Veltlin (Valtellina).

In jenem heute italienischen Bergtal mit seinen schweizerischen Nebentälern des Bergell, des Oberengadins und des Puschlav läßt sich eine vollständige trojanische Namenlandschaft feststellen (S. 230 f.): Die Orte SONDRIO, TIRANO, BORMIO, der Fluss ADDA, aber auch die schweizerischen Namen POSCHIAVO, BERNINA, ALBANA und MERA sind eindeutig auf diesen bedeutenden Sagenkreis bezogen.

Doch: Wie das Veltlin zu dieser eigenartigen Troja-Landschaft gekommen ist, bleibt rätselhaft, schrieb ich (S. 231). - Nun, ein halbes Jahr nach der Veröffentlichung des Buches, habe ich des Rätsels Lösung gefunden.

Auf der italienischen Seite des Bergell (Val Bregaglia), halbwegs zwischen Chiavenna und der Schweizer Grenze, findet sich links des Talflusses Mera die Stelle des antiken Plurs (Piuro).

Plurs soll ein reiches Städtchen gewesen sein, das im Jahre "1618" durch einen Bergsturz vollständig verschüttet wurde.

Die Katastrophe von Plurs fand großen Widerhall im damaligen Europa und erzeugte mehrere Flugschriften.

Der Bergsturz ist Tatsache. Doch ob er genau in jenem Jahr stattgefunden hat, ist nicht zu erweisen. - Wir befinden uns dort an der Schwelle der Geschichtszeit, wo die Daten noch mit allergrößter Vorsicht aufzunehmen sind.

Nun habe ich mich seit der Jahreswende 2003/2004 wieder für den Campanile von Plurs zu interessieren begonnen (vgl. hierzu meinen Artikel Plurs: ein alpenländisches Pompeji).

Dieser Glockenturm steht heute auf der rechten Seite der Mera am Rande eines Sturzbachs und soll das einzige bauliche Überbleibsel des verschütteten Städtchens sein. Der Turm sei bei dem Bergsturz auf die andere Talseite geschoben worden, aber intakt und aufrecht geblieben!

Wie ich aber überlegte, fand ich schnell heraus, daß den Touristen hier eine fromme Legende aufgetischt wird:

Erstens hätte der Bergsturz auch einen Glockenturm umgeworfen und zerstört. Es ist ganz unmöglich, daß Naturgewalten ein solches Monument über Hunderte von Metern verschieben und dabei aufrecht lassen.

Zweitens ist der angebliche Campanile von Plurs in einem spätbarocken Stil des 18. Jahrhunderts errichtet, als mindestens ein Jahrhundert nach der Katastrophe.

Hier bleibt nur eine Erklärung: Der Glockenturm wurde absichtlich auf jener Felsplatte am Rande eines Baches als Mahnmal errichtet. - Und um dem Monument zu mehr Ansehen zu verhelfen, wurde diese unglaubliche Legende erfunden.

Plurs ist ein alpenländisches Vineta oder ein alpenländisches Pompeji und wird in der Literatur auch als solches bezeichnet.

Doch sowohl Vineta, VINETAM = PNL/M = NEAPOLIM wie Plurs, PLURIUM = PLRM = PLN = NEAPOLIM bedeuten das Gleiche: also Neapel, ein Synonym für Pompeji, die verschüttete Stadt am Fuße des Vesuvs!

Der Bergsturz von Plurs weckte also Verbindungen zu einem anderen Ereignis das der Geschichtskritik zufolge, nicht lange vorher stattgefunden haben muß, nämlich den Untergang von Pompeji.

Und jene Naturkatastrophe im Bergell war für die damalige Zeit Vorwand und Gelegenheit, die ganze Region mit trojanischen oder vesuvianischen Namen zu belegen!

Man staunt, wie leicht sich zu jener Zeit europaweit Ortsnamen kreieren ließen, welche bestimmten Erfordernissen der literarischen Geschichtserfindung entsprachen. - Im Grunde stammen alle Namen aus der Schwellenzeit zwischen Vorgeschichte und Geschichte. - Selbst das untergegangene Plurs ist zweifellos erst nach dem Bergsturz zu der heutigen Bezeichnung gekommen.

Mit Plurs werden auch religionshistorische Bezüge verknüpft: Ein Streitgespräch über die Trinität soll dort zu Ende des 16. Jahrhunderts stattgefunden haben. - Und der führende Antitrinitarier Gerolamo Turriani soll um diese Zeit Stadtpfarrer von Plurs gewesen sein.

In gewissem Sinne hat Plurs also wie Pompeji die gerechte göttliche Strafe für seinen falschen Glauben erfahren.

14.1.2004