Unmögliche Kantonsgrenzen in der Schweiz: Basel – Schaffhausen – Solothurn - Freiburg

Welcher historische Grund steht dahinter?


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Anmerkung: Das vorliegende Thema wurde vom Autor bereits in seinem Buch Die alten Eidgenossen. Die Entstehung der Schwyzer Eidgenossenschaft und die Rolle Berns (2013) angesprochen.


Einleitung

Die Grenzen der Schweiz haben sich seit 1815 nicht verändert. Auch die Kantonsgrenzen sind gleich geblieben – mit Ausnahme des 1978 neu geschaffenen Kantons Jura.

Doch Landes- und Kantonsgrenzen prägen. Auch wenn sie offen sind, auf den Karten und Plänen sind sie allgegenwärtig. Also fragt sich der Betrachter, wie die Grenzen entstanden sind. Und als Hintergedanken werden die meisten überlegen, weshalb gewisse Gebiete so und nicht anders begrenzt sind.

Doch es bleibt meistens bei unausgesprochenen Überlegungen. Selbst Historiker würden nicht mehr beitragen können als unbegründete Behauptungen: Die Grenzen seien eben im Laufe der Zeit so entstanden, manchmal vernünftig gezogen, manchmal merkwürdig.

Die Schweiz als Gesamtstaat und vor allem etliche Kantone haben aber Grenzen, die mehr als merkwürdig, welche absurd sind, wenn man die Dinge emotional betrachtet.

Schaffhausen

Die Grenzen des Kantons Schaffhausen (rechts des Rheins)

Grafik: Autor

Anmerkung: Wie Schaffhausen weist auch das Rafzerfeld, der rechtsrheinische Teil des Kantons Zürich, einen komplizierten Grenzverlauf zu Deutschland auf.


Das offensichtlichste Beispiel für unmögliche Grenzen ist der Kanton Schaffhausen. Dieser Stand erstreckt sich zuerst ausschließlich rechts des Rheins, gegen Deutschland hin. – Ist der nördliche Nachbar vielleicht schon die Ursache der absurden Grenzen?

Analytisch besteht Schaffhausen aus zwei Gebietsteilen: dem Gebiet um Schaffhausen und dem Zipfel von Ramsen. Und das erste Gebiet enthält die deutsche Enklave Büsingen.

Die Grenzziehung gegen Deutschland ist bei beiden Kantonsteilen sehr kompliziert und im einzelnen unverständlich.

Aber ein Detail im hauptsächlichen Kantonsgebiet ist besonders bemerkenswert: Am Rhein kommt das deutsche Gebiet zu beiden Seiten sehr nahe an die Stadt Schaffhausen heran: Im Südwesten, bei Neuhausen, ist das Ausland kaum drei Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, im Osten – gegen Büsingen hin – sogar nur anderthalb. – Man hat den Eindruck, daß damit jede Verteidigung der Stadt unmöglich gemacht werden sollte.

Wie Schaffhausen ist das Rafzerfeld, das rechtsrheinische Gebiet des Kantons Zürich zu beurteilen. Rafz und Schaffhausen sind durch den bekannten Korridor von Jestetten und Lottstetten getrennt. Auch die Zugverbindung Zürich - Schaffhausen muss ihn durchqueren.

Basel

Die Grenzen des Kantons Basel (Stadt) rechts des Rheins

Grafik: Autor


Der Stand Basel ist seit 1833 in zwei Halbkantone geteilt. Doch nicht dieser Umstand steht hier zur Debatte, sondern die Grenzen des rechtsrheinischen Basels gegen Deutschland hin.

Neben Kleinhüningen im Norden gehört zu Basel vor allem Riehen im Nordosten. Dieser Ort besitzt ein in etwa abgerundetes Gebiet, aber mit einer Merkwürdigkeit: Auf den bewaldeten Höhen im Nordosten des genannten Ortes erstreckt sich ein schmaler, bewaldeter Gebietszipfel vom Hof Maienbühl, genannt die Eiserne Hand in deutsches Gebiet hinein (vgl. Grafik). Wie soll man einen Korridor von 1,6 Kilometer Länge erklären, der maximal 250 Meter, an seinem äussersten Ende jedoch nur mehr ein paar Dutzend Meter breit ist?

Der Gebietszipfel Eiserne Hand bei Riehen im Kanton Basel-Stadt stellt eine staunenswerte Kuriosität der Grenzziehung dar.

Der Gebietszipfel nordöstlich von Riehen, genannt die Eiserne Hand

Der zur Schweiz gehörige, ganz im Wald gelegene Gebietskorridor ist 1,6 km lang und höchstens 250 Meter breit.

Grafik: Autor


Dann reicht östlich von Basel entlang des Rheins ein Gebietszipfel des deutschen Ortes Grenzach bis auf drei Kilometer an das Stadtzentrum heran. – Man erinnert sich an Schaffhausen, wo die deutschen Grenzen entlang des Rheins ähnlich nahe an die Stadt herangeführt wurden.

Basel und Schaffhausen sind Schweizer Städte, rechts des Rheins, nach Deutschland hinein ragend. Man wollte diesen Orten offenbar absichtlich kein abgerundetes Gebiet zugestehen.

Als Gegenbeispiel steht Konstanz. Diese Stadt liegt links des Bodensees und gehört zu Deutschland. Eine gerundete Grenze trennt Konstanz vom Kanton Thurgau.

Solothurn

Die Grenzen des Kantons Solothurn

Grafik: Autor


Die Grenzen des Kantons Solothurn stellen für den unvoreingenommenen Betrachter eine einzige Abfolge von Absurditäten dar:

Da hat der Stand zuerst einmal drei Exklaven, nämlich Steinhof im Kanton Bern und Mariastein und Kleinlützel, eingeklemmt zwischen den Kantonen Basel, Jura und an Frankreich angrenzend.

Zu den drei Exklaven kommt noch das mehr als merkwürdige Kienberg, ein langgezogener Gebietszipfel auf der Jurahöhe nordwestlich von Aarau, umgeben von den Kantonen Basel (Land) und Aargau. Der Zipfel ist mit dem solothurnischen Stammgebiet durch einen nur hundert Meter breiten Korridor auf dem Scheitel des Jura verbunden. – Wer zieht solche unmögliche Grenzen?

Aber abgesehen von den drei Enklaven, beziehungsweiseExklaven und dem Zipfel von Kienberg hat der Kanton Solothurn ein ausgefranstes, ein unmögliches Gebiet.

Der Stand hat zwei Städte: Solothurn und Olten und beide liegen an der Aare. Aber von der einen zur anderen Stadt ist man gezwungen, dazwischen das bernische Bipper Amt zu durchqueren. Wollte man auf Solothurner Gebiet bleiben, müßte man einen komplizierten Umweg über den Jura machen.

Im Süden von Olten findet sich Aarburg mit der ehemaligen bernischen Festung.

Und Solothurn hat im Süden schon nach vier Kilometern den Kanton Bern als Nachbarn.

Der Solothurner Jura selbst ist ein Gebietskorridor, der im Norden bei Gempen bis fünf Kilometer an das Stadtzentrum von Basel reicht.

Hierzu kommt noch der Bucheggberg, entlang dem Bibernbach. Dieser solothurnische Gebietszipfel im Südwesten der Stadt reicht mit einer Länge von 12 Kilometern in bernisches Gebiet hinein, ist aber stellenweise weniger als zwei Kilometer breit.

Welches kranke Hirn hat die Grenzen eines solchen unmöglichen Gebiets gezogen?

Freiburg

Die Grenzen des Kantons Freiburg im Gebiet von Murten

Grafik: Autor

Anmerkung: Im SW von Murten ist ein Obelisk eingetragen. Dieser wurde vom neuen Kanton Freiburg um 1820 aufgerichtet. Vordergründig sollte er an die legendäre Murtenschlacht erinnern. - Die hintergründige Absicht aber war, den Anspruch Freiburgs auf bisher bernisches Gebiet zu begründen.

Vgl. dazu vom Autor: Historische Denkmäler der Schweiz. 34 helvetische Erinnerungsstätten, kritisch betrachtet (2015)


Die Grenzen des Kantons Freiburg gegen den Neuenburger See hin und im unteren Tal der Broye (Freiburg - Waadt)

Grafik: Autor


Basel und Schaffhausen weisen unmögliche Grenzen gegen Deutschland auf. Solothurn hat als ganzer Kanton unmögliche Grenzen.

Kommt als letztes und ebenso wichtiges Beispiel für absurde Grenzziehungen Freiburg. Bei diesem Kanton aber sind in der Betrachtung mehrere Dinge zu berücksichtigen. Und vor allem ist hier schon ein Blick zurück in die Geschichte notwendig.

In der alten Eidgenossenschaft war der Stand Freiburg gänzlich von Berner Gebiet umschlossen. Dies deshalb, weil die Waadt damals bernisches Gebiet war.

Doch nicht nur das: Zwischen Freiburg und Bern gab es Gebiete, die wechselnd zu einem und dem andern Stand gehörten. Man nannte sie Gemeine Herrschaften. Die Gebiete von Murten und Schwarzenburg, dann die waadtländischen Orte Grandson, Orbe und Echallens (Tscherliz) wechselten alle vier Jahre den Landvogt und den Stand.

Auch andere Stände vor 1798 hatten teil an Gemeinen Herrschaften. Diese stellten auch allgemein gesehen eine historische Kuriosität dar.

Nach 1798, genauer gesagt 1803, als die alten Kantone wiederhergestellt wurden, wurden auch die früheren alternativ von zwei oder mehreren Ständen verwalteten Gebiete einem Kanton zugewiesen.

Für Freiburg ergab sich folgendes: Die drei Gemeinen Herrschaften des Waadtlandes, also Grandson, Orbe und Echallens, gehörten nun zum neu geschaffenen Kanton Waadt.

Die beiden ehemaligen Herrschaften zwischen Bern und Freiburg, nämlich Murten und Schwarzenburg, wurden „freundeidgenössisch“ verteilt: Schwarzenburg fiel an Bern. Dafür bekam Freiburg das Gebiet von Murten zugesprochen.

Diese „salomonische“ Lösung war aber nicht so gerecht, wie es schien: Nicht nur Schwarzenburg, auch Murten war protestantisch und nach Bern ausgerichtet.

Wir sind bei dem Problem und seinen Hintergründen einen Schritt weiter: Die unmöglichen Grenzen von Freiburg und Solothurn gehören zu katholischen Ständen in der mehrheitlich protestantischen Eidgenossenschaft.

Gehen wir bei Freiburg nochmals in die Zeit den Ancien Régime zurück: Schon gesagt wurde, daß jener Stand gänzlich von Berner Gebiet umschlossen war und mit Bern fünf Gemeine Herrschaften hatte.

Da kann man sich schon fragen, wie es denn gekommen ist, daß Bern einen so großen Kanton innerhalb seiner Grenzen duldete. Kein Land der Welt würde so etwas freiwillig machen.

Man bekommt immer mehr den Eindruck, als ob mit Freiburg etwas Bestimmtes bezweckt wurde.

Der von der Fläche her große Stand lag erstens vollkommen in Berner Gebiet.

Der Stand Freiburg hatte mittelbar sogar einen beachtlichen Teil des angrenzenden Berner Gebiets unter Kontrolle.

Die Herrschaft Echallens lag sogar mitten im Waadtland. Niemand kann glaubwürdig erklären, weshalb ein solches Gebiet unter eine gemeinsame Verwaltung fallen sollte.

Und überhaupt: Auch die feststehenden Kantonsgrenzen zum Waadtland, besonders im Gebiet der Broye, waren unmöglich kompliziert gezogen: Am Neuenburger See kommt zuerst das waadtländische Cudrefin, dann das freiburgische Portalban, hierauf Chevroux im Waadtland und dann Estavayer-le-Lac (Stäffis am See) in Freiburg. Der letztere Ort ist eine große Enklave in waadtländischem Gebiet. - Und auf der linken Seite des Broyetals gibt es zwei weitere freiburgische Enklaven mitten im Waadtland: Surpierre (Überstein) und Vuissens.

Eine Kuriosität der Extraklasse stellt die Kirche Notre-Dame de Tours, östlich von Payerne in der Waadt dar: Dieses Gotteshaus mit einem Umschwung von 66 Aren, also 2/3 Hektaren, gehört als wohl kleinste Exklave zum Kanton Freiburg - etwa 150 Meter vom kompakten Kantonsgebiet entfernt. Die Wallfahrtskirche gehört politisch zur Gemeinde Montagny-les-Monts FR.

Die Freiburger Exklave Notre-Dame de Tours, bei Cousset FR, östlich von Payerne VD

Der Gebietssplitter ist rund 150 Meter vom Freiburger Kantonsgebiet (links) entfernt.


Es braucht ein langwieriges und geduldiges Studium, um die Kantonsgrenzen zwischen Freiburg und der Waadt im Broye-Gebiet auseinander zu halten: Murten ist freiburgisch, Pfauen (Faoug) waadtländisch, Avenches ebenfalls. Aber zwischen Avenches und Payerne liegt mit Domdidier wiederum eine freiburgische Gebietsbarriere.

Noch bevor man den Grenzverlauf zwischen Freiburg und der Waadt südlich des Neuenburger Sees ganz begriffen hat, wird jeder Betrachter ausrufen: Das ist doch eine reine Absurdität! Welche teuflischen Gebietsvermesser haben diese Grenzen gezogen?

Historiker werden einwenden, diese Grenzen seien eben „historisch“ entstanden. Dabei sei es eben manchmal zu komplizierten Grenzverläufen mit Zipfeln, Streifen und Enklaven gekommen.

Aber die gefühlte historische Evidenz beweist: Alte Gebiete waren im Allgemeinen kompakt, mit mehr oder weniger einsichtigen Grenzen.

Wer hat die unmöglichen Grenzen gezogen?

Schon bei den absurden rechtsrheinischen Grenzen von Basel und von Schaffhausen kommt ein Verdacht hoch. Bei den unmöglichen Grenzen des Standes Solothurn wird der Verdacht zur Gewißheit. Und bei der Betrachtung der territorialen Verhältnisse zwischen Bern und Freiburg, beziehungsweise zwischen Freiburg und der Waadt fragt man unwillkürlich: Wer steht hinter diesen Grenzziehungen?

Die Geschichts- und Chronologiekritik weist nach, daß wir vor den 1780er Jahren keine verläßlichen historischen Kenntnisse haben. Mit der Französischen Revolution beginnt erst die reale Geschichte. Doch diese weist bis etwa 1815 noch bedeutende Lücken auf.

Für die alte Eidgenossenschaft und deren Entstehung gilt dasselbe: Die geschriebene Geschichte, die wir meinen sie stimme, ist inhaltlich und chronologisch falsch.

In der gefälschten Geschichte finden sich jedoch da und dort Fingerzeige, wie es wirklich gewesen sein könnte.

Die Entstehungsgeschichte der Eidgenossenschaft enthält zwei Komplexe, die für unsere Frage interessant sind.

Die alten Eidgenossen widerstehen dem Römischen Reich

Zum ersten hat sich der alte Bund der Eidgenossen zu einer gewissen Zeit gegen die Allmacht des Römischen Reichs aufgelehnt. Dafür steht im Geschichtsbuch der sogenannte Schwabenkrieg von „1499“.

Wie weit es zu kriegerischen Auseinandersetzungen mit der Macht jenseits des Rheins gekommen ist, wissen wir nicht. Aber die Zeugnisse dafür sind überall längs der Rheingrenze und im Hinterland Helvetiens zu finden: Die „spätrömische“ Befestigung des linken Rheins mit ihrer dichten Kette von Wachttürmen, befestigten Brücken, Flußkastellen und rückwärtigen Kastellen spricht klar für eine zu einer gewissen Zeit realen Bedrohung.

Die entstehende Schwurgenossenschaft konnte das linke Rheinufer behalten und sogar mit Basel und Schaffhausen zwei rechtsrheinische Brückenköpfe gewinnen. Doch hier gab es eine Ausnahme: Das linksrheinische Fricktal blieb bis 1802 beim Deutschen Reich. Die Rheingrenze wäre also für die Eidgenossen nicht zu verteidigen gewesen.

Die Eidgenossen mußten mit absurden Grenzziehungen, mit strategisch nicht zu verteidigenden Gebietszipfeln vorlieb nehmen.

Die unmöglichen Grenzen von Basel rechts des Rheins und von Schaffhausen erklären sich zweifellos auf diesem zu erahnenden geschichtlichen Hintergrund.

Frankreich, der doppelzüngige Beschützer der alten Eidgenossenschaft

Die Auseinandersetzung zwischen den Eidgenossen und dem rechtsrheinischen Imperium sind einigermaßen zu fassen.

Viel schwieriger ist es, die Ursache zu begreifen, welche der alten Eidgenossenschaft ihre endgültige Gestalt, ihre territoriale und sogar konfessionelle Ordnung aufgedrückt haben. Denn die unmöglichen Grenzen von Solothurn, der Stand Freiburg inmitten bernischen Gebiets, vielleicht sogar die kleinen Kantone in der Innerschweiz, sind sicher nicht durch innere Zwiste entstanden.

Auch die alten Chroniken schweigen sich über diesen doch überaus bedeutenden historischen Sachverhalt aus. Wir sind gezwungen, ein paar Indizien zu sammeln.

Gemäß den ältesten Chroniken sei die Reformation in der Schweiz, in den Städten Zürich, Bern und Genf, zur gleichen Zeit ausgeführt worden. Die alte Eidgenossenschaft war also ursprünglich konfessionell homogen.

Bekannt ist aus der erfundenen Geschichte, daß die Stände Solothurn und Freiburg erst spät, nämlich „1481“, in den Bund der Eidgenossen aufgenommen wurde. Und dieser Aufnahme seien schwere Zerwürfnisse vorausgegangen, die erst in dem sogenannten Stanser Verkommnis notdürftig gelöst wurden.

Daß die genannten beiden Stände so spät zu den Eidgenossen kamen, ist vollkommen unglaubwürdig. Die alten Chroniken betonen, daß sowohl Freiburg wie Solothurn von Anfang an in engstem Bunde mit Bern gestanden haben. Wie hätten die Gründungsmitglieder der Eidgenossenschaft zwei Städte in ihrem eigenen Gebiet die Mitgliedschaft in ihrem Bund verweigern sollen?

Daraus läßt sich schließen, daß Freiburg und Solothurn anfänglich keine selbständigen Stände waren.

Und die Wahrheit hinter dem Ereignis von angeblich „1481“ ist wohl diese: Die beiden Städte wurden nicht in die Eidgenossenschaft aufgenommen. Vielmehr hat man den Schwyzer Bund gezwungen, diese als neue Kantone mit entsprechenden Gebieten anzuerkennen.

Hinter einem solchen Diktat kann nur Frankreich, die wohlwollende, aber eigennützige Schutzmacht der Eidgenossen gestanden haben.

Der König von Frankreich wollte offenbar eine selbständige, aber nicht eine zu mächtige Eidgenossenschaft. Daher mußte der alte Bund konfessionell gespalten werden. - Und vor allem galt es, Berns Macht in Schranken zu weisen.

Die alte Eidgenossenschaft ist bekanntlich im Mittelland, zwischen Genfer See und Bodensee, zwischen Jura und Alpen entstanden. – Ein Ursprung des Schwyzer Bundes rund um den Vierwaldstättersees ist eine vollständige Geschichtsverfälschung.

Und Vorort der Eidgenossenschaft war Bern. Dabei ist zu wissen, daß Bern ursprünglich in der Westschweiz, im Waldgau links der Aare beheimatet war. Die Waadt gehörte nicht zu Bern, sie war das ursprüngliche Bern.

Das alte Helvetien war übersichtlich. Es bestand aus vier Gauen: dem Waldgau bis zur Aare, dem Aargau bis zur Reuss, dem Zürichgau und dem Boden- oder Thurgau.

Wie aus vier alten Gauen ein gutes Dutzend große und kleine Kantone wurden, hat mit den Absichten einer fremden Macht zu tun.

Der Plan, den Frankreich durchsetzte war folgender: In der bernischen Westschweiz wurde ein großes Gebiet herausgeschnitten und damit der katholische Stand Freiburg geschaffen. Fünf Gemeine Herrschaften und komplizierte Grenzen im Broye-Gebiet sollten das mächtige Bern zusätzlich in Schach halten.

Solothurn wurde den Eidgenossen als zweiter Stand mit unmöglichem Gebiet und ebenfalls katholischem Bekenntnis aufgezwungen.

Hinzu kamen die kleinen Kantone der Innerschweiz: Nidwalden, Obwalden, Schwyz und Uri – ferner Glarus. Auch diese Stände sind sicher aus den alten Gauen herausgeschnitten worden. Und auch diese neuen Stände wurden gezwungen, den katholischen Glauben anzunehmen.

Im Zuge seiner Entwicklung wurde aus dem klar strukturierten alten Helvetien die dreizehnörtige Eidgenossenschaft, wie sie 1798 in die Geschichte eintrat – ein kompliziertes politisches und territoriales Gebilde.

Die Schweiz noch heute in unmöglichen Grenzen

Und die unmöglichen Grenzen bestehen noch heute, desgleichen die Vielzahl von großen und kleinen Kantonen.

Aber wir wissen jetzt: Die unmöglichen Grenzen vieler Stände in etlichen Gebieten sind nicht historisch entstanden, sondern das Ergebnis fremder Diktate. Das gilt für die Grenzen mancher Kantone als auch für die Grenzen der Eidgenossenschaft gegen das Deutsche Reich^.

Die ausländische Macht im Westen, welche diese komplizierte Ordnung schuf, wählte bewußt einen solchen Kanton als Sitz seiner Vertretung:

Der französische Ambassador hatte seine Residenz in Solothurn.

Kantonsgrenzen – und erst recht Landesgrenzen – lassen sich in Friedenszeiten kaum ändern.

Die heutige Welle der Gemeindefusionen in der Schweiz stößt häufig auf unmögliche Grenzziehungen.

Zwei Beispiele sollen genügen:

Schaffhausen möchte eine einzige Gemeinde im Kanton werden. – Aber wie steht es mit der deutschen Enklave Büsingen? 

Das freiburgische Murten gemeindet gegenwärtig großzügig seine Umgebung ein. – Aber bei den südlich davon gelegenen Berner Enklaven Clavaleyres und Münchenwiler würde die eidgenössische Ordnung betroffen.

Die Denk-Fabrik Avenir Suisse hat vor zehn Jahren vorgeschlagen, die Schweiz in übersichtliche Verwaltungsregionen einzuteilen, welche die teilweise unsinnigen Kantonseinteilungen ersetzen würden.

Gedankenspiele sind erlaubt, aber die Verwirklichung ist illusionär.


6/2016